Sweet dreams are made of this …

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Philipp Roller and the author Andreas L. Hofbauer half an hour before performing “Aus der Tonspur” for Jan Rohlf and Maverick in Berlin – Prenzlauer Berg (Photo: Maverick)

Hell is coming / World ends today

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Andreas L. Hofbauer partakes in a situationist play for the inner city of Madrid by Andreas Templin in the framework of Madrid_Abierto 2008. This site serves as an online-publication for the play which happened live in Madrid 7th-15th of February. It features photographs of the participants, provides video-lectures, comments and background-informations on the project.

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Hand of Andreas L. Hofbauer, somewhere in Slowenia after meeting with some Oxen (Photo: Eva Dertschei)

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Andreas L. Hofbauer portrayed by Archi Galentz (oil on canvas)

Nicht Haltung annehmen. Haltungen produzieren!

Hier wissen wir zu leben . . . und du würdest meinen Arsch zumindest sieben Male küssen, wenn ich dir sagte, wie über alle Maßen ich glücklich bin zu leben
und dies Leben hier zu führen.
(Francisco de Goya, Brief an Martìn Zapater vom 19. Februar 1785)

Haltungsschäden sind verbreitet und werden zur Zeit gerne als Zivilisationskrankheiten definiert. Ursachen werden in allzu verfettender Nahrungsaufnahme schon bei Heranwachsenden und Jugendlichen und Bewegungsmangel derselben gesucht und gefunden. Der Ruf nach Rolfing und chinesischer Chiropraktik wird zwar zuweilen laut, freilich kann ihm aber auf Grund der notorisch leeren Staatskassen nicht flächendeckend gehorcht werden. Offensichtlich sind nicht allein die Nervenkostüme fragil geworden, sondern auch die basalen Trageeinheiten durch schleichende Osteoporose angegriffen.

Dass hier aber vielleicht eine grundsätzliche Verwechslung von Ursache und Wirkung vorliegt mag im Folgenden – vielleicht etwas gewagt anmutend – herausgestellt werden. Selten nur wird Haltung als biopsychophysischer Komplex gesehen, der auch Mensch und Artefakt ebenso wie Tier und Naturhervorbringung durchformt. Halten wir uns bei den beiden erstgenannten auf, so muss man schnell feststellen, dass es, abgesehen von den aller Orten anzutreffenden Attitüden-Korsettagen, selten geworden ist, auf ein starkes Kreuz zu treffen, da selbiges den meisten offenbar schon früh gebrochen ward.

Nun haben wir es mit Niko Sturm zweifellos mit einem jungen Maler und Mann zu tun, der sich persönlich durch Vielerlei auszeichnet. Etwa: Kraft, mutige Lebensfreude und -lust, unbedingter Wille zur Umsetzung, keine Scheu vor Konterattacken, strikte Diesseitigkeit ohne Hang zur Camouflage der Verklärung, grimmiger Humor. Kurz gesagt: nötiges Rüstzeug für einen Maler. Da hier nun aber keine individuellen Haltungsnoten vergeben werden, muss an dieser Stelle der Blick auch auf etwas gewendet werden, was ich die Haltung der Bilder nennen möchte. Eine solche verzeichnet nicht zuletzt das Grimmsche Wörterbuch, wenn auf die kompositorische Verteilung von Licht und Schatten, Tiefe und Oberfläche usw. eines Bildes verwiesen wird. Was hier aber noch ganz im Rahmen einseitiger Rezeptionsästhetik verhängt ist, ist wenigst um eine weitere Facette zu erweitern. Die Produktion oder den Austausch im Produktionsprozeß. Stehen sich Produzent und Produziertes nicht gegenüber, sondern durchdringen einander, dann gibt es allerdings auch kein Quidproquo von Aus- und Eindruck. Malakt und Lebensform ergänzen einander nicht, sondern sind die beiden Seiten einer Medaille, die sich stetig neu prägen. Eine solche Prägung muss über einen speziellen virtus verfügen, der in keiner Weise im Sinne von Gehalt zu messen oder zu refundieren ist. Dies verlangt nach einer gewissen Rückhaltlosigkeit oder Verausgabung, die das Anhalten nur als (notwendige) Etappe kennt, ehe die nächste Produktion in Angriff genommen wird. Haltung läuft deshalb kurioser Weise darauf hinaus, nicht aus einer feststehenden Position ein Objekt zu betrachten oder zu taxieren, sondern sich von diesem auch selbst angreifen zu lassen. Der Bildkörper ist ein Produktions-Halt in diesem Vorgang, der immerhin dem Körperbild den Rücken stärkt. Man könnte derartiges Herangehen auch starke Seismografie nennen, die den auf beiden Seiten heraufdrängenden Narzißmus nicht allein Paroli bietet, sondern doppelseitiger A-Narzißmus ist.

Doch, wie schon Kippenberger/Oehlen früh bemerkten, hat man es nicht leicht und selten wird einem etwas leichter gemacht.

Sämtliche Ober
zu mir
alle Banken
voller
Gier
und dann
will mein Bruder
mir nicht aufmachen die Tür,
weil er sagt, ich soll den
Schlüssel benutzen.(1)

Was auch zeigt, dass es nicht immer leicht fällt, Haltung auch zu bewahren.

Die Haltung der Bilder ist unabtrennbar mit der Haltung des Künstlers verschmolzen. Es findet ein wechselseitiges Ein- und Entströmen statt, dass sich in kristallinen Momenten – was an und für sich Bilder und Lebenshaltungen auch sind – nicht als vereist erweist, sondern als Wachstum. Was im Sturm zu gären pflegte, wird schließlich als Wein kredenzt; und nicht von ungefähr bedeutet haltig in der Bergmannsprache Erz führend. Dabei wird nicht einfach abgebaut und von Hier nach Dort transportiert, sondern der Prozeß wird zum Schmelztigel oder Krater , der aus einfachem, alltäglichem und abfälligem Material – allchymisch beinah’ –sein „Gold“ legiert. Und in diesem Glanze will und soll man auch ein Leben führen.

Und außerdem: Alle entscheidenden Türen stehen zumeist offen!

(1) Martin Kippenberger/Albert Oehlen, Gedichte (Teil 1), Berlin 1984

Andreas L. Hofbauer for Niko Sturm (exhibition Mercator foundation, Ljubljana 2004)

Bob Rutman and Steel Cello Ensemble

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Andreas L. Hofbauer together with old boy Bob Rutman at Klangraum Krems (AT) 2007 / Danube Festival

(Photo: Susanna Kalivoda)

Perverser Kamerad – geh Du voran …

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Diana Dart, Heinrich Dubel and Andreas L. Hofbauer perform a puppet show at Juliettes Literatursalon in Berlin 2002. It was reading # VXXVII in the course of the Marquis de Sade Lesemaschine.
(Photo: Manfred Reuter)

MOC/KRAFT (The Book)

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Andreas L. Hofbauer “Das Los der Kraft” (Drava Verlag) (German/Slovene/Croatian/Spanish). Art-Book design by Toledo i Dertschei (TiD)

MOC = KRAFT

Kraft

Andreas L. Hofbauer for Niko Sturm, Josef Zekoff, TiD und Salon für Kunstbuch (Wien)

Die Krasis der Bilder / The Krasis of Pictures

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Andreas L. Hofbauer // Text for Niko Sturm (English and German).

Baden verboten!

Camille: Ich hab mir so ein Ding gekauft heute morgen … !

Paul: Was für ein Ding?

[längere Pause]

Paul [nachdrücklich]: Was für ein Ding?

Nackt und nass sprang Archimedes aus seiner Badewanne und lief sodann – lauthals „Heureka!“ rufend – durch die Straßen von Syrakus. Gefunden hatte er in seiner Wanne der Legende nach das nach ihm benannte Prinzip, dessen Gesetz und Theorie er später in seiner Schrift Über schwimmende Körper niederlegte, was ihn zum Vater der Hydrostatik werden ließ. Eine Geschichte, die bis dato gerne von einigen Schulmeistern der Physik zur Unterrichtsauflockerung benutzt wird. Ist nun auch nicht gleich jeder schwimmende Körper ein badender, so wird doch eines deutlich: Man kann nicht nur in einer Wanne anderes tun als baden, sondern auch mit ihr anderes anstellen.

Letzteres bezeugt sich neuerdings eindrücklich durch die von Peter Pilz unter dem Titel „Baden verboten!“ versammelten Bank/Wannen. Die Halbschachtel einer Wanne wird mit Schnitten so versehen, dass diese zu Scharnieren werden, entlang derer dann die Halbschachtel neu zur Sitzbank gefaltet und zusammengesetzt wird. Im Speziellen sind diese Bank/Wannen nun sozusagen Berliner Modelle oder zumindest solche, die irgendwann hier ihre frühere Funktion erfüllten und nun einer neuen zugeführt werden. Eine Serie von sechs Stücken, die von Erik Tannhäuser in seiner Werkstatt in Weißensee nach exakten Vorgaben hergestellt wurden. Lackiert mit dem Mitsubishi-Autolack Nassau-Orange. Das klingt nach saftiger Frucht und exotischem Luxus. Ganz unschuldig und wahrscheinlich ungewollt spielt es auch auf etwas an, das mit dem Wort „nassauern“ verbunden ist. Vorgeben etwas zu sein, was man nicht ist und daraus Nutzen ziehen. Hinterhältige Absicht trifft für die Bank/Wannen freilich nicht zu, ziehen sie selbst doch gar keinen Nutzen aus ihrem Hier- und So-Sein; wir hingegen – als Nutzer (Sitzer oder Besitzer) oder Betrachter – einen umso größeren. Bei all dem handelt es sich darüber hinaus auch keineswegs um eine Zweckentfremdung, wie dies bei der Verwendung von Badewannen als Viehtränken in geringem, bei der ungefragten Verwendung einer Beuysschen Badewanne etwa als Bierflaschenkühler für den Leverkusener SPD-Kreisverband in hohem Maße gilt. Es handelt sich um eine ironische Umwidmung. Warum aber „ironisch“?

Unsere Berliner Modelle haben und hatten also zweifellos Funktionen. Die Bank/Wannen sind keine Hybridobjekte, wie zum Beispiel eine ausziehbare Bettcouch. Ihr Charme besteht gerade darin, dass sie ihre Vergangenheit (das, was sie einstmals waren) nicht verleugnen, sondern weiterhin unverhohlen in ihrer nunmehrigen Gestalt zur Schau stellen. Ein so offener Umgang mit der eigenen Ambivalenz verunsichert ein bisschen und man zögert, der Einladung Platz zu nehmen sofort und ohne Umschweife nachzukommen. Dabei ist der Funktionswechsel (… eine Badewanne ist zum Baden da, eine Bank zum Sitzen …) eher nebensächlich und vielleicht gar nur für Designer von Interesse. Was uns hier handgreiflich vor Augen geführt wird, ist eine Transformation der Fassung, ihr Kippen. Die Bank/Wannen der Serie „Baden verboten!“ sind keine Kippbilder (sie sind Wannen als Bänke), evozieren aber solche durch ihre und in unserer Vorstellung. Solchen Kippbildern wurden nicht zuletzt von Ludwig Wittgenstein und Wilfred R. Bion die höheren philosophischen Weihen erteilt. Einerseits bleiben sie in erkenntnistheoretischer Hinsicht und auf gleichnishafte Weise rätselhaft, zum anderen sind sie uns wohlbekannt. Zu den berühmten Beispielen gehören das Hasen-/Entenkopf-Bild von Jastrow, das Vasen-/Gesichtsbild nach Rubin (der so genannte Rubin-Kelch), das Kippbild von der alte Hexe und der jungen Schönheit und andere mehr. Die Bank/Wannen von „Baden verboten!“ erzeugen in diesem Sinne spielerisch eine Unsicherheit, die sich zum einen an ihnen selbst zeigt: Haben wir es mit Badewannen zu tun, die sich nun als Sitzbänke generieren, oder mit Sitzbänken, die sich jederzeit wieder zu Badewannen umstecken und zurückfalten lassen? Zum anderen manifestiert sich Unsicherheit zwischen dem Titel „Baden verboten!“ und den Bank/Wannen selbst: Wer käme auf die Idee, auf einer Bank baden zu wollen? Da uns aber hier wie überall der Archimedische Punkt abhanden gekommen ist, von dem aus man das Ganze zu beurteilen oder zu vermessen vermöchte, so bestätigt sich, dass man die zwei ins Kippbild eingelassenen Einzelbilder auch niemals gleichzeitig zu sehen vermag. Trotz ihrer offensichtlichen neu gewonnenen Funktionalität, ist die Bank/Wanne ein seltsames Ding. Gibt sie doch zu denken. Und gerade die Verarbeitung eines funktionalen Objekts zu einem neuen profanen und trivialen Allerwelts-Ding unterstreicht: You have to know how to handle things … to know what a great thing is. Sätze, die bemerkenswerter Weise einmal ein deutscher Denker aufzeichnete, den man nicht gerade nachsagen kann, eine besondere Nähe zum Englischen gehegt zu haben.

Haben wir uns erst einmal gesetzt, hören wir allerdings auf an der Stabilität der Bank/Wannen zu zweifeln. Sie kippen nicht um.

In zwei von mehreren aufeinander folgenden Badezimmerszenen in Jean-Luc Godards Film Le Mépris von 1963 sehen wir zuerst Michel Piccoli (als Paul) und dann Brigitte Bardot (als Camille) in derselben Wanne sitzen. Glauben wir Paul, wurde nicht einmal das Wasser ausgetauscht. In der Badewanne raucht er Zigarre, trägt Hut und liest Zeitung. Nach eigener Aussage möchte er Dean Martin in Some came running gleichen. Camille, die eine schwarze Perücke überm blonden Haar trägt, missfällt dies und sie vergleicht ihn mit einem Esel aus einer Fabel. Als sie später selbst in der Wanne sitzt (allerdings ohne Perücke und mit blondem Haar, das ausgesprochen an das Brigitte Bardots erinnert), liest sie Luc Mouletts (selbst Filmregisseur) eben erschienene Monografie über den Regisseur Fritz Lang (der im Film Le Mépris Godards wiederum eine nicht unwesentliche Rolle als Schauspieler spielt). Das einzige, was bei all den Referenzen und Parallelisierungen, den unzähligen Querverweisen auf kleinstem Raum unveränderlich bleibt, ist die Wanne.

Höchste Zeit also, dass einer kommt, das Wasser auskippt … und zum Trennschneider greift. Heureka!

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Andreas L. Hofbauer for Peter Pilz (Advent 2007)

All Pics by Franziska Helmreich.

We are not here to entertain! (Gendertronics)

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Das Brechen mit dem sogenannten Konsens der Wirklichkeit. Mit dem Müll des Imaginären, das immer auf’s Neue eine Realität herstellt, deren Solidität und Solidarität den Kitt gesellschaftlicher Gefüge repräsentiert. Die Dignität einer Armut, die sich von diesem Kitt nährt, ohne ihn zu verdauen oder zu rezyklieren. Kunst als artifizielles Exkrement, manifest und immanent in allen Körperflüssigkeiten, manifest und immanent in allen Wort- und Tonergüssen.

Der sexuellen Intoxitation ist der Vorzug vor der biochemischen zu geben.

Andreas L. Hofbauer on Genesis P-Orridge and Gendertronics