Seide wird zerrissen, um sie besser verstehen zu können

clerambault1

Ca. 20’ Laufzeit. Loop. 2 Schauspieler. Eine Frau. Ein Mann. Frau: ca. 30 Jahre alt. Trägt ein historisches Kleid. Helle Farbe. Wirkt ein wenig wie ein Kittel (jedoch ohne Anklänge an Upperclass oder Heilanstaltsinsassin). In der Mitte durch Mieder versteift. Mann: ca. 50 Jahre. Neutral gekleidet. Nicht historisch. Möglicherweise gedeckter schwarzer Anzug. Raum: Trägt der Idee “Falte” Rechnung, indem er mit Mollton (weiß) ausgekleidet ist.

Der gesprochene Text bleibt möglichst nah am Original. Interaktion zwischen den beiden Figuren ist zumeist nur gestisch und figuriert sich entlang des Textmaterials. Die Frau spricht zuweilen in der dritten Person über sich, so als ob sie über eine Freundin oder eine ihr bekannte Person spräche. Die Konversation und die Reden bleiben gespenstisch. Vagheit herrscht vor. Keine Kommunikation im eigentlichen Sinne.

[Großaufnahme; Gesicht des Mannes frontal; während er spricht, fährt die Kamera zurück]

Mann:
Ich saß auf dem Stuhl nicht wie gewöhnlich, sondern rittlings, und der Sitz war mit Samt überzogen. Da mir die Empfindungen angenehm waren, habe ich es noch einmal gemacht; aber niemals hatte ich von dergleichen reden hören. Der Gebrauch des Fingers ist erst später gekommen.

[Frau; nun neben dem Mann im Profil]

Ich habe geheiratet, um ein schönes Kleid aus schwarzer Seide zu haben, das aufrecht steht. Nach meiner Heirat zog ich noch Puppen an; das tue ich noch immer gern. Die Seide hat ein Rauschen, ein Zirpen, das mich kommen lässt. Schon das Wort Seide sagen hören, oder sich die Seide im Gedanken vorstellen genügt, um eine Erektion der Sexualorgane hervorzurufen. Der vollständige Orgasmus stellt sich bei der Berührung und vor allem bei der Reibung der Seide an dieser Region ein. Jeden Tag gab ich mich der Masturbation hin. Die normalen sexuellen Beziehungen verschaffen mir keinen Genuss.
In den großen Warenhäusern habe ich oft gestohlen. Mein Strafregister verzeichnet 26 Verurteilungen. Einmal wegen Entwendung eines Seidenkleides, das ich nach dem Diebstahl zusammengerollt und unter dem Rock zwischen meine Schenkel gesteckt habe. Eines Tages trat ich in ein großes Warenhaus ein, getrieben wie von einem Zwang. … In der Seidenabteilung faszinierte mich ein Kleid aus heller blauer Seide, es stand aufrecht. Eine Seide, die nicht steif steht, sagt mir nichts. Darauf war Spitze. Ich habe dieses Kinderkleid genommen, habe es unter meinem Rock verschwinden lassen, in einer großen Tasche mit einem Zipfel habe ich das Kleid genommen und damit masturbiert, mitten im Geschäft, beim Aufzug, dann im Aufzug, wo ich am meisten Genuss hatte. In diesen Momenten schwillt mein Kopf, mein Gesicht wird karmesinrot, die Schläfen schlagen, nur so kann ich genießen. Danach nehme ich den Gegenstand oder lasse ihn. Als man mich überraschte, warf ich ihn weg. Ich habe ihm sogar einen Fußtritt versetzt. Masturbation allein macht mir kein großes Vergnügen, aber ich vervollständige sie, indem ich an das Schillern und das Rauschen der Seide denke. Manchmal, wenn ich mit der Seide masturbiere, habe ich sogar an Männer gedacht. Auch wenn mir der Mann nichts macht.
Ich liebe die Seide, die ganz allein steht.

Excerpt of a screenplay, written together with Theo Ligthart for a Video-Installation (not executed yet) on Gaetan Gatian de Clérambault and the erotics of touching fabrics. We used original lines (translated by Walter Seitter) put on the record by female inmates of the police asylum, in which Clérambault used to work in Paris.

Umbro is me

Andreas_2_Umbro

(Photo by Theo Ligthart)

7 – Anmerkungen zur Arbeit eines öffentlichen Träumers

Das Ordnungsprinzip dürfen nicht sieben Kapitel sein, sondern sieben mal sieben, … [d]aß [sic] heißt, ein Kapitel sind sieben Personen, das andere Kapitel sind sieben Handlungsorte des Brunke, das andere sind sieben Orte des Notierens von mir, das nächste sind möglicherweise sieben Formen, dann sind es sieben Türen, dann sind es sieben verschiedene Bilder, die sich die Leute von ihm gemacht haben, in den Akten oder Aussagen oder von den Handlungen.
(Thomas Brasch, [Brunke-Konvolut, S. 401])


Das Ordnungsprinzip dürfen nicht sieben Stichpunkte sein, sondern sieben mal sieben, das heißt, so viele Stichpunkte so viele Masken, das andere sind sieben Handlungsorte der Verzeichnung, das andere sind sieben Orte des Notierens von mir, das nächste sind möglicherweise sieben Maschinen oder Häuser, dann sind es sieben Türen, dann sind es sieben verschiedene Bilder, die sich die Leute von ihren Verlustierungen machen und gemacht haben, in ihren Akten oder beiläufigen Aussagen oder von den daraus resultierenden Handlungen.

(Andreas L. Hofbauer [7. Anmerkung zur Arbeit eines öffentlichen Träumers, also: HIER])

49. Eine Tür, an die Wand gemalt.

48. „Jericho aber war verschlossen und verwahrt vor den Kindern Israel, so daß niemand heraus- oder hineinkommen konnte. Aber der HERR sprach zu Josua: Sieh, ich habe Jericho samt seinem König und seinen Kriegsleuten in deine Hand gegeben. Laß alle Kriegsmänner rings um die Stadt herumgehen einmal, und tu so sechs Tage lang. Und laß sieben Priester sieben Posaunen tragen vor der Lade her, und am siebenten Tag zieht siebenmal um die Stadt, und laß die Priester die Posaunen blasen. Und wenn man die Posaune bläst und es lange tönt, so soll das ganze Kriegsvolk ein großes Kriegsgeschrei erheben, wenn ihr den Schall der Posaune hört. Dann wird die Stadtmauer einfallen, und das Kriegsvolk soll hinaufsteigen …“ (Jos. 6; 1-6)

47. Ich

46. Im Schoß des in einem selbst errichteten und später so genannten Erektions- oder Exekutionsstuhl aufgefunden Leichnams des Architekten D. H. aus dem Westteil der Stadt Berlin findet sich ein 2000 Seiten Konvolut, dessen letzte Seite – die von rechts oben nach links unten ausgestrichen ist – die Anweisung gibt, von einem Schriftsteller restauriert zu werden, der eine Pause benötige beim Herstellen künstlicher Charaktere und sich dergestalt einen neuen Beruf zu verschaffen vermöchte, und zwar eben den eines Restaurators. Dieser Schriftsteller kann hernach das so Herausgestellte unter eigenem Namen veröffentlichen, jedoch nicht in das Gefängnis eines Buch-Hauses hinein – und somit in das ebensolche Gefängnis eines notwendig dazu gehörenden Verlags-Hauses – sperren, sondern selbiges nur etwa an Zeitungskiosken oder in Einkaufspassagen zu Entbindung bringen.

45. Künstliche Charaktere, Käufliche Personen; die Liebe und ihr Gegenteil.

44. Du

43. Eine seltsame zölibatäre Maschine, ein bemerkenswerter Beeinflussungsapparat. So ganz ohne Drähte und Knöpfe einer analogen Maschinerie. Gibt es eine Klinik für dieses Symptom?

42. Die Identifikation in der Mechanik der Objektwahl geht der eigentlichen Objektsetzung, also der Objektwahl durch Projektion voraus. „Nicht die Geschichte von Brunke ist die Geschichte, die erzählt werden muß, sondern die Geschichte von einem, der sich in die Bruhnke-[sic]Geschichte verbeißt, weil er etwas anderes verschweigen will“, schreibt Thomas Brasch. Und es stellt sich dabei nicht einmal die Frage: Aber was?

41. Er

40. Thomas Brasch und sein Konvolut über Brunke sind die Restauration des Konvoluts des Architekten D. H. über Brunke, das seinerseits wiederum wohl als die Restauration Brunkes als Konvolut angesehen werden muss. (Denn Karl Brunke verfügt nur über den nie geschriebenen Text mit dem Titel „Die Liebe und ihr Gegenteil“)

39. Eine Drehtür

38. „Und beim siebenten Mal, als die Priester die Posaunen bliesen, sprach Josua zum Volk: Macht ein Kriegsgeschrei! Denn der HERR hat euch die Stadt gegeben. Aber diese Stadt, und alles was darin ist, soll dem Bann des HERRN verfallen sein. Nur die Hure Rahab soll am Leben bleiben und alle, die mit ihr im Hause sind; denn sie hat die Boten verborgen, die wir aussandten. Allein hütet euch vor dem Gebannten und laßt euch nicht gelüsten, etwas von dem Gebannten zu nehmen und das Lager Israels in Bann und Unglück zu bringen. Aber alles Silber und Gold samt dem kupfernen und eisernen Gerät soll dem HERRN geheiligt sein, daß es zum Schatz des HERRN komme.“ (Jos. 6; 16-20)

37. Sie

36. Cotheniusstraße 1

35. Diverse Verbindlichkeiten eines Mannequins

34. Kein Traum rechnet; weder richtig noch falsch. Er fügt nur mitleidlos Zahlen zusammen. Bringt sie in Form nichtkalkulierbarer Notwendigkeit.

33. Abkühlen des Textes auf Protokolltemperatur!

32. Eine der ägyptischen Hieroglyphen der Zahl 7, die vor allem in späterer Zeit häufige Anwendung fand ist, ein nach links gewendeter Kopf, was nicht zuletzt mit der Zahl der Öffnungen in selbigem zusammenhängt.

31. Kopfgeburt

30. Es

29. Schädelnaht

28. Landsberger Allee / Ecke Petersburger Straße

27. Schädelhaus des Kopfes, eingepfercht zwischen Gesicht und Gericht.

26. Alles Blumige muss durch eine Art Analyse ersetzt werden.

25. 25. April 2004, Restaurant Cantamaggio, Berlin-Mitte, abends.

24. Eine Tapetentür

23. Lust + Verlust = Verlustierung

22. Wir

21. „Wenn Liebe Verwahrung heißt, also verwahrt oder bewahrt zu sein, dann müsse das Gegenteil ja Verwahrlosung sein.“ (Thomas Brasch)

20. Wie sollte denn ein Staat an einer „Liebesmaschine interessiert sein, die wie Einsteins Relativitätstheorie Zeit und Raum vom Kopf auf die Füße stellt und wie Freuds Entdeckung von Traum und Trieb das Leben im Bett vom Bauch auf den Rücken dreht und beide Glücksfälle zusammenführt, die den Menschen das Vorhandensein eines anderen Menschen und alle damit verbundenen Tode überflüssig macht, die sprechen und singen und umarmen und streicheln und verzeihen und küssen kann und ihren Besitzer erniedrigen und von ihm erniedrigt werden will, die an seine oder ihre Freunde ausgeliehen und dabei beobachtet werden darf, die in eine Haut gekleidet ist wie jene Haut, die du in meinem Kopf in dein Kistchen verwahrt hast …“?

19. Spielmannstraße 1

18. „Am 17. Oktober kaufen wir den Revolver.“

17. Eine Maschine, wie jene, die das Fräulein Natalija A., 31 Jahre, ehemals Studentin der Philosophie, nun stocktaub und sich ausschließlich schriftlich verständigend, entdeckte. Irgendwann um 1919 und dem Dr. Tausk vielleicht in Wien davon erzählte. Seit sechs Jahren steht sie unter dem Einfluss dieser Maschine, die verbotener Weise in Berlin erzeugt wurde und betrieben wird. Ein kopfloser Rumpf in der Form eines Sargdeckels, mit allen Gliedmaßen, nur nicht mit den so genannten Geschlechtsorganen – diese seien entfernt worden. Jede Manipulation an der Maschine ist eine Manipulation an ihrem Körper. Jeder Schmerz der Maschine ist der ihre. Wie das Gefühl des Geschlechts fehlt, fehlt auch der Kopf, oder ist wenigst für sie nicht sichtbar.

16. Ein Fragezeichen, wie es in der spanischen Sprache üblich ist.

15. Unbedingte Beziehungen sind nicht möglich!

14. Der Architekt D. H. entschloss sich, nachdem er herausfand, dass die Sieben die magische Zahl Brunkes sei, unter vollständigem Verzicht auf Nahrung und Schlaf in sieben Tagen die sieben Lebenskapitel des Brunke zu Papier zu bringen und dergestalt sich so vollständig auszudenken, auf dass Platz für Brunke in seinem Schädelhaus entstehe. Sollte dies nicht gelingen, bemesse er sich derart wenig Gewicht bei, dass ein Bindfaden auszureichen hat, um aus dem Ausrufezeichen das Brunke war ein Fragezeichen, das er in diesem Falle für immer bleiben müsste, zu machen, das sich in den Tod krümme.

13. „Rahab aber, die Hure, samt dem Hause ihres Vaters und alles was sie hatte, ließ Josua leben, weil sie die Boten verborgen hatte, die Josua gesandt hatte, um Jericho auszukundschaften. Zu dieser Zeit ließ Josua schwören: Verflucht vor dem HERRN sei der Mann, der sich aufmacht und diese Stadt Jericho wieder aufbaut! Wenn er ihren Grund legt, das koste ihn seinen erstgeborenen Sohn, und wenn er ihre Tore setzt, das koste ihn seinen jüngsten Sohn!“ (Jos.; 25f.)

12. „[S]o erscheint die Himmelswölbung mir beinahe als das Inn’re eines ungeheuren Schädels und wir als seine Grillen! – Ich bin eine, die er, wie sehr ich auch mich sträube, im Begriff ist zu vergessen!“ sagt der Marius bei Grabbe.

11. Ihr

10. Monumentenstraße 1

9. Die Ägypter unterteilten die Elle in 7 Handbreit um zur königlichen Elle zu gelangen. Dies führte zu einer subtilen Verbindung zum Gott der Schreiber, Thot, dessen schriftliche Fixierung für die ewige Gültigkeit von Ereignissen bürgt. (Gleich der Anwendung der königlichen Elle in der Architektur). Um seine protokollierenden Handlugen magisch zu fixieren, besteht sein Schreibutensil aus den sieben Binsen. Die Idealzahl der Schreibutensilien einer Palette ist folglich ebenso die sieben; – Thot, der im Jenseitsgericht protokolliert, dort, wo die Verstorbenen wieder belebt werden.

8. Die Heilige Familie unter ein Dach zu bringen war Karl Brunkes anfänglicher Plan. Oder etwa doch der seiner Mutter, aus deren Fuge er kroch? Architekt D. H. in Berlin hat diesen Plan aufgegeben, da er ein anderes Geheimnis hinter dem Tun Brunkes entdeckt zu haben glaubte. Der Verweis auf diese seltsame und doch so brauchbare Öffnung im Schädel – „jene sich kurze Zeit nicht schließende Fuge im Kopf des Säuglings (von der Natur klug eingerichtet, um die Fuge der Mutter nicht zu verletzen, den Kopf also verschiebbar zu machen, auf daß er nicht in Mitleidenschaft gezogen wird durch den engen Geburtskanal, durch den er zurück will ein Leben lang)“ – alles nur eine raffinierte Idee Brunkes eine achte Öffnung einzumahnen, die ihm einerseits zur Stelle eines nützlichen Arbeitsplatzes verhilft, ihm aber zum anderen später bei Gericht zum Nachteil oder Einwand gereichen wird.

7. Doch kaum Platz genommen auf dem Stuhl der zölibatären Maschine nimmt der Abgang vom Uterus terrae matris seinen Lauf.

6. Jedem Auftritt ist der uranfängliche Abtritt beigegeben.

5. Das Glück eines dritten Geschlechts, das sich ausbildet hinter den Fraternisierungen von Bank und Bordell.

4. Sie

3. Der Poet als Architekt, der Architekt als Maschinist, die Klammer des Maschinischen, die alle Häuser und Köpfe heimsucht.

2. Die Städte Kanaans waren bloß kleine Verwaltungszentren Ägyptens, in denen lächerlich machtlose Fürsten mit ihren kleinen Stäben lebten. Jericho verfügte über keinerlei Befestigungsanlagen. Es ist sogar möglich, dass die Israeliten unter dem historischen König Josiah bloß Ruinen zwischen verstreuten Hirtensiedlungen vorfanden. Darüber, wie es den Huren oder käuflichen Personen im Allgemeinen oder Speziellen dort erging, ist so gut wie nichts bekannt.

1. Das Haus für Brunke wird nicht fertig.

0. Eine Tür, in einer Mauer, die es nie gab. – Und an dieser Schwelle vor einer neuen ungeahnten Tür und einem neuen ungeahnten Grund vielleicht, wandelt sich die Wand zum Gewand, schält sich der TraumBrunke („Das Blanke Wesen“) mit einer verrosteten Nagelschere die Haut vom Leibe und legt sie erstmals nicht mehr fein säuberlich zusammengefaltet in ein Kistchen oder in sonstige Lade, sondern wirft sich das Kleid über die Schulter und … läuft … los …

Andreas L. Hofbauer for Juliettes Literatursalon and the Jewish Museum of Berlin. This text was red / dreamt by the author himself for the first time in public on April 25, 2004, at Cantamaggio (Berlin). It refers to Thomas Brasch small book “Mädchenmörder Brunke” and the several thousand pages of the so called “Brunke-Konvolut/Die Liebe und ihr Gegenteil” by the same author. Brasch, Brunke, east, west, Jewish, German, murderer, bank teller, piano teacher, Kabbala, bachelor-machine – a wondrous textlandscape.

second-hand experience / stormscene

… teuflisch kalt gegen den Wind zu reisen. Schöner Tag – freundliche Menschen.
Herman Melville, Tagebuch einer Reise von New York nach London 1849

Letzte Windmaschine vor der Schlacht!
Blixa Bargeld, Headcleaner

Geht es nach der Beaufort-Skala (begründet durch den späteren Knight Commander of the Bath Francis Beaufort der British Navy), dann sind die 120 km/h wie sie die Windmaschine Andreas Templins in dessen Installation „Sturmszene“ zum Einsatz bringt gewiss ein Sturm, gar ein Hurrikan. Zugleich stellt diese Windmaschine aber auch die Basis einer Simulation dar, mehr noch eines Simulakrums 2. Ordnung. Wieso das? Weil die Szene in die sich der Rezipient versetzt findet einem Filmset gleicht, in dem er/sie als Akteur oder Akteurin selbst zur Erfahrungsoberfläche wird. Ist jedwede Wahrnehmung notwendig Distanznahme (sonst ließe sich außer Rauschen und Brausen gar nichts erfahren und man ist deshalb eigentlich immer irgendwie im Auge des Orkans), so wird dies hier erhebend anschaulich gemacht, da ein vorgeblich reiner Naturalismus durch Verschränkung von Artifiziellem, Technisch-Akustischem und Maschinischem entlarvt wird. Dennoch bleibt diese Erfahrung jetzt nicht nur auf‘s Optische und Akustische (wie im Kino selbst) beschränkt, sondern erfährt einer Erweiterung dadurch, dass eine bestimmte örtliche Gegebenheit zum anderen Schauplatz des Drängens des Unmittelbaren verwandelt wird. Nichts weniger denn eine mise-en-scène und ein rite of passage im selben Zug. Ironie und Humor finden hier also ihre Anwendung als künstlerische Waffe und erstatten somit dem Sturm auch seine kriegerische Wortbedeutung zurück.

Doch nicht zu vergessen bleibt: Wir haben es hier auch mit einer wundersamen Äolsharfe zu tun! Denn schließlich: Wie der Wind heftiger hervorstößt,/ ein holder Schrei der Harfe/ Wiederholt mit zu süßem Erschrecken,/Meiner Seele plötzliche Regung;/ Und hier, die volle Rose streut geschüttelt/ All ihre Blätter vor meine Füße! (Eduard Mörike)

Andreas Templin Bild Blaue Nacht Kopie

Andreas L. Hofbauer for Andreas Templins installative work for the public space comissioned by the City Council of Nuremberg, Germany – stormscene (2005). This installation took place in a medieval pedestrian’s tunnel leading to the historical center of Nuremberg. A strong wind-machine of Munich filmstudios was placed in the beginning of the tunnel. The light was changed and a big soundsystem installed. With David Canisius of Deutsches Kammerorchester/ Yellow Lounge a selection of highly dramatic classical music was edited for this evening and replayed constantly. The visitors could pass through the tunnel and found themselves in the middle of a filmset-like “stormscene”. After passing through the tunnel they got handed a text written by Dr. Andreas L. Hofbauer, titled “second-hand experience”.

but … Billy Budd

Von welchem Schlag ist also Billy Budd, aus welcher Art und welchem Geschlecht ist er geschlagen, zu welchem geschlagenen Geschlecht mag er gehören? Sind es gerade die vorgeblich Unschuldigen, die sich schuldig machen oder verzeiht man ihnen ihr Vergessen nicht? Ist Schuld überhaupt nur Oberflächenphänomen, welches, gleich der weißen Wand des Wals, aus den Tiefen auftaucht und wir wollen (im Sog Ahabs) es durchbrechen? Spricht man aber überhaupt von unschuldig schuldig gewordenen, wenn man im Namen Billy Budds spricht – und was hieße das überhaupt? Wir, von der Rasse Kains, sind immerhin gezwungen, in ein Land aufzubrechen das Nod heisst, ins Land der Ruhelosigkeit und Flüchtigkeit (wie das hebräische nad bedeutet). Wegzugehen aus dem Angesicht des Vater-Gottes, ausgezeichnet zu überleben. Der Konflikt eines Nebeneinanders (der Brüder und des Geschlechts) hat sich so in die Zeit gespannt und ist Konflikt entlang der Zeitachse geworden. Nicht allein ob man des Bruders Hüter sein soll, des Hirten Hirt, steht in Frage, sondern ob man für die Kommenden zeugen kann. Dies ist vielleicht weniger eine Frage der Filiation und deren Politik, vielleicht weniger Frage der Einsetzung, sondern der Freisetzung, der Garantie einer rückhaltlosen Entbindung, die es vermag eine Kohärenz von Körpern zu wahren, ohne dabei das Unendliche fahren lassen zu müssen. Eine Vertäuung der über-lebenden Immanenz. Das heißt jedoch, das elende Bedürfnis nach Schaffung und Schöpfung aufzugeben, das wir sogar Gott andichten, vielleicht bloß, um uns selbst zu Göttersöhnen (und -töchtern) zu machen. Die Unfähigkeit sich eine andere Hand vorzustellen, als die, die bei Tisch (womöglich gar aus Liebe) Brotmännchen formt, die andere Hände schüttelt, um sich des eigenen Seins zu versichern, die, sichtbar oder unsichtbar, immer vermittelt und herstellt, der Welt Gestalt gibt. „Ich nehme mit einem geringern Vater vorlieb; wenigstens werd ich ihm nicht nachsagen können, dass er mich unter seinem Stande in Schweineställen oder auf den Galeeren habe erziehen lassen“, sagt in Georg Büchners Dantons Tod die Figur des als Spinozisten und Atheisten charakterisierten Thomas Payne. (1) Die Erschöpfung und das Aufhören, das Enden, verschreibt sich einer Insistenz, die sich weder auf ein Transzendentes stimmt, noch dabei aber den schmerzhaften Aufbruch verleugnet. So bewegt sie sich, zuweilen starr, ohne sich im geringsten zu rühren, weg. Solch aufbrechendes Gehen bricht auch immer zu einem verlorengegangenen Kind auf. Es entdeckt nicht (sich als) das verlorengegangene Kind (sei es der Sohn oder die Tochter), nicht einmal das Verlorengegangene – sondern es geht verloren. Abgegangen wird hier vom Wollen oder Willen des Wissen, wie auch vom Nichtwissen. (2) Inauguration einer Bahnung des Vergessens. If you are ready to leave father and mother, and brother and sister, and wife and child and friends, and never see them again, – . . . then you are ready for a walk, schreibt Thoreau. Man kann dies in eine Entgegnung verwandeln, deren Ton unentscheidbar zwischen Frage und Forderung oszilliert – are you ready for a walk . . .
Merkwürdig mutet in diesem Zusammenhang ein Brief an, den Herman Melville seiner Tochter Bessie vom Pazifischen Ozean aus am 2. September 1860 zukommen lässt. „Diese Vögel [hier] haben kein Zuhause, außer einigen wüsten Felsen mitten im Ozean. Sie sehen niemals einen Obstgarten, und kennen den Geschmack von Äpfeln & Kirschen nicht, wie dein fröhlicher kleiner Freund in Pittsfield, Herr Robin Rotkehlchen. – Ich könnte dir noch vielmehr Dinge über die See erzählen, aber ich muss den Rest verschieben, bis ich nach Hause komme. . . . Ich nehme an, du hast recht viele Spaziergänge auf den Hügel gemacht, und die Erdbeeren gepflückt. Ich hoffe, dass du gut auf Klein Fanny aufpasst, und daß du, wenn du auf den Hügel gehst, so gehst: [hier folgt eine kleine Zeichnung Melvilles, die einen Baum und etwas Gesträuch zeigt, sowie zwei beinahe winzige Gestalten, die sich an den Händen halten] das heißt Hand in Hand. Leb wohl, Papa“. (3) So, als ob es doch möglich sei, die Faust in die flache Hand zu entfalten, wie Johann Georg Hamann dies gefordert hat, und sich die Hände zu reichen. So, als ob es vielleicht dem Aufbruch des Vergessens nach nichts mehr verlangte, als eben nach dieser einfachen, singulären und einfältigen Handreichung, das Wagnis dieser unwahrscheinlichen Berührung, die weder führen noch hüten will.
In welchen Namen also wird man sprechen, wenn man im Namen von Billy Budd zu sprechen wähnt? In welchem Namen spricht man mit der Vorsicht und dem Bedacht, die Spinozas Motto waren und deren Wort er sich in seinen Siegelring eingravieren ließ – caute – und für welche Unabhängigkeit also? (4) Wenn man spricht im Namen von bud, der Knospe oder der jungen austreibenden und -schlagenden Triebe, im Namen der unterentwickelten Wesen; oder im Namen unser aller Brüder; Bruder, wie das umgangssprachliche Amerikanisch bedeutet – aber auch im Namen des Spross, der Töchterchen und Söhnchen? But, Aber . . .

(1) Georg Büchner, Dantons Tod, in: Ders., Werke und Briefe, München 1975, S. 39.
(2) Vgl. dazu Thomas Schestag, Schrittstellen, in: Oswald Egger (Hg.), Rhythmus. Wiener Vorlesungen zur Literatur 1996/97 (Der Prokurist 19/20), Wien/Lana 1998, S. 37.
(3) Zit. nach More Light, And The Gloom Of That Light. More Gloom, And The Light Of That Gloom , in: Die Republik (82-85/1988), S. 191 f.
(4) Vgl. Leo Strauss, Das Testament Spinozas, in: Ders., Gesammelte Schriften, Bd. 1, Stuttgart/Weimar 1996, S. 422.

Excerpt out of ” … thus snapping the chain -” (Ablösungsversuche, Wien 2001) by Andreas L. Hofbauer

Zu zweit ist man weniger allein, zu viert ist man noch weniger allein

feierlaune

Andreas L. Hofbauer together with friends gettin’ ready to attend Bianca Regls and Robert Munteans exhibition in Österreichische Botschaft Berlin 26. Oktober 2008 … Almdudler anyone?
(Photo: Theo Ligthart)

Ensembles und Module

Ekstasen kann man am besten mit einem Ensemble begreifbar machen. Denken Sie zum Beispiel an Phantasien. Niemals kann eine Beschreibung allein ersetzen, was ein Ensemble entstehen lässt und zugleich dem Untergang preisgibt: Übersicht, Details und Proportionen in bloß einem Akt.

So dienen Ensembles nicht allein der Veranschaulichung, sondern vielmehr der Analyse, dem Verfall und dem Genuss. Varianten erstellen, vergleichen und genießen; Ursache und Wirkung zelebrieren – Prinzipien, an denen die Ekstasen weiterentwickelt werden, reifen und wieder verloren gehen.

Die Ekstase sexueller Ensembles. Mit ihnen werden Strategien und Konzpte anschaulich und überzeugend umgesetzt: Spielwiesen für außermoralische Hedonisten; nichts für offiziöse Kulturpolitik und Integrationspropaganda samt deren Aufsichtsgremien.

Unsere Ensemblemodelle sind Instrumente. Nutzt sie!

In Form lustvoller Dienstleistung übernehmen wir Aufbau und Einsatz von Ensemblemodellen, unterstützen die Zusammenstellung der Informationen und Prämissen und tragen zur Planung, Bewertung und den damit verbundenen Diversifikationen bei.

Juliettes ist eine von uns erstellte Software mit der Ensemble-Modelle für unterschiedliche Projekte selbst entwickelt und eingesetzt werden können. Wir impfen die Hardware mit einer umfangreichen Download-Bibliothek. Wir verabreichen euch die Medizin, schenken euch die Module, die ihr selbst einsetzen und weiterentwickeln könnt.

KörperPolitik

Letztlich vier Männer, zwei klare Selbstmörder, ein wohlwollender Sterberegistervermerk, lautend auf Tod durch Unfall, ein Leben, das von Wahnsinn und Tod zeitlebens gefangen war, und sich in erotischen Ekstasen und Verschlingungen wie eine Larve in ihrem Kokon wand, dem sie niemals entschlüpfen sollte. Magische Kombinatoriken und Maschinen, deren Programme Texte sind. Fixiertheit auf Helden, Kinder und Männer und ihre Maschinenträume.

Denkt man sich das Diverse und Strittige (polemos) paradoxerweise als Verbindliches, so gilt es neue und andere Fassungen der Politiken und der Körper experimentell herzustellen. Dafür ist eine Virtualität und Virtuosität verlangt, die zum einen den Willen zur Gestalt und Form austrägt und ihn zum anderen radikal entstellen muß. Als Zeugen oder Begleiter sind daher solche zu wählen, die um die wenigstens zweideutigen Funktionen, nämlich als Bruch/Lücke und Kuppler/Verbindungsrealisator, von Scharnier und Schnitt, von Zwiefalt und Zwischenfalte, wußten. Die sich selbst auf Elemente einließen, die einen außerordentlichen symbolischen Status, als Realisator eines Körperwerdens, einnehmen. Gemacht wird so eine Erfahrung, welche das Multiple und Heterogene als Eines der Immanenz zu fassen gestattet (disjunkte Synthese). Solche, die sich an formlose Elemente wandten, die in den jeweils realen, symbolischen und imaginären Strukturen ohne Funktion sind. Deren Affektivität unterstreicht das Paradox des Zugleich und Ineinanderüber von Sein und Werden und kann sich nicht auf Entsprechung, Wiederholung und Beziehung, auch nicht auf Nachahmung oder Identifikation, reduzieren lassen, sondern ist Diversifizierung der materialen Gefüge des Werdens.
Das, was daran spannend und stimmig ist, ist ein tonos (Band, Ton), der keine gestalteten politischen Körper schafft (jeder Körper ist politisch informiert), sondern Körper destabilisiert, indem er sie einem Werden aussetzt, dem diese sich wiederum, schließlich sind sie ja informiert, widersetzen. Eros und Eris In-Beziehung-Tretens sind so eben leiblich-grammatische Umsetzungen und Diversifikationen (vom Händeschütteln bis zum Ich, Du, Er, Sie, Es …) und nicht Versiegen in den gestischen, habituellen oder deklinierenden Repertoires.
Durch solche Geste werden Wissen und seine Bestände insultiert, wie auch die Schemata einer sprachlich linearen und explikativen Auslegung, Konstatierung oder Vermessung verunmöglicht. Fokussiert werden dagegen die Ins-Werk-Setzungen der Ensembles und ihre gleichzeitige Entwerkung (desœuvrierung). Exzessiv ist dabei die Präsenz des Dings (da) selbst. (Das muß sich gar nicht lautstark oder spektakulär anzeigen.) Zugleich es im Gegenstand (dem mental, verschrifteten oder sonstigen) insistiert, wird es durch die Kontaminierung mit seinem Supplementsein verrückt. Das sogenannte dritte Element dieser Ineinssetzung und Gegeneinanderüberhaltung, welche nicht einfachhin Koinzidenz ist, ist nicht länger isolierbar (weder als Zwischen, noch als Fuge), sondern in das Dingwerden eingelassen (und zwar im Sinne der krasis)!
Wir suchen also nach (An)Trieben, mit ihrem jeweiligen Träger/Agenten (suppôt), gar Saboteur (nämlich Diversanten), der zugleich für eine Formierung und (voreilige) Rahmung verantwortlich ist, wie er diese auch en kontaminiert und zum Exzeß treibt. Aufzeichnungsfolien sind dafür Texturen, die nicht besser in der Lage sind, Formen ein- und aufgeprägt zu bekommen, sondern die trachten, höhere Intensitäten einzufangen, gar zu bündeln. Dabei ist eine Logik des Affekts, die nicht zuletzt der diversen Materie folgt, auch Begeisterung, die Stammeln, Disparatheit und Zerfall für das Sprechen nicht nur praktiziert, sondern sogar einfordern muß. Strategien der Selbstruinierung (Dietmar Kamper) müssen Pakte zuweilen auch mit den pathogenen oder perversen Valeurs schließen, was dazu führt, daß man eben nicht weiß, was man tut oder ist, wenn man dabei ist zu denken, also zu werden, was man gewesen sein wird.
Dabei muß Körperdenken aus den von Wissen und Bildlichkeit regulierten Registrierungen und Exklusionen abweichen und sich dem aussetzen, was diese Bilder und Register über-lebt, das heißt nicht restlos in deren Mortifizierungen aufgeht. Zeitlichkeit traversiert die Einkadrierungen und ist somit vorrangige Logik eines Körperwerdens. Körper werden immer in anderen Körpern, deren Fleisch die Schemata überdauert (und nicht nur aufbricht).
Vielleicht läßt bei all dem nicht nur das Reich des Messias die Welt so, wie sie ist – bloß um eine Winzigkeit verschoben (Scholem/Bloch/Benjamin). Ist das (endliche) Paradies nicht zu unterscheiden von jetziger Welt, bloß um eine Nuance anders, so mag diese Nuance in den Scharnieren und Schnitten, die sich zuweilen auch verkörpern versprechen. Gezeigt werden soll aber, daß uns nichts dazu zwingt Potentialität und Aktualität auf eine Entscheidung (krisis) des Äußersten hin zu stimmen, sondern sich alles innerhalb einer immanenten und kontingenten Mischung (krasis) fügt. Ist Kruzifizierung die Eliminierung des Materiellen zugunsten des Zeichens/Bildes, so heißt eben abgehen davon, neue Fassungen einer Körper-Politik zu erfinden. Eine solche verlangt nach einer Strategie des radikalen Denkens von Materialität und Zeit, muß sich diesem überlassen. Also auch die eigenen Stratageme auf sich einschlagen lassen, auch noch seine eigenen Bemühungen behindern, die äußerste Anstrengung wagen, um die geringste Wirkung zu erzielen. Was bleibt, ist (be)deutungslose Performanz (Bejahung), die scheiternd Zeugnis ablegt von der Spannung zwischen dem, was überlebt haben wird, und dem, was hier und jetzt jeweils gesagt, gehört, getan werden kann. Eine Tortur einer Spannung, zu deren Austrag man schließlich doch gezwungen und verpflichtet ist und aus der heraus erst befreundetes Teilen von Zeiten und Räumen möglich werden kann.

Die sich interpretierenden gegenläufigen Intensitätsfluktuationen der von mir konturierten Sprachen und Körpern erzeugen also keine Gestalt oder Schlußfigur, sondern versuchen Aufzeichnungsflächen her- und darzustellen. Dies geschieht immer über andere Körper und andere Sprachen. So verschreibe sich die Revisionen aber keiner Bildlichkeit und bilden sich auch nicht ein, mehr als Scheitern vorstellig zu machen. Wird also anhand der Intimtechniken des Umganges mit den fremdesten Fremdkörpern, nämlich den Wortenkörpern, nachgedacht, so gibt sich dies nicht exemplarisch, aber symptomatisch. Und so wie es nicht in der freien Macht des Geistes liegen kann, sich eines Dings zu erinnern oder es zu vergessen, so mag die Auswahl derer, die da Schreiben und Bilder machen, und hier nun umschrieben und entstellt werden, Spekulationen und Rückschlüsse auf das Erinnern und Vergessen des Autors anheben lassen. Wer sich aber aufmachen möchte, darüber nachzudenken was ein Körper vermöchte, wenn er nicht vom Geiste bestimmt würde, wer also nicht mit offenen Augen träumen möchte, sondern nächtlich wachen, der wird in den Fragmentierungen vielleicht Winke finden. Zugleich aber können sich solcherlei Revisionen und die Unternehmungen, wie die des Nachstehenden, immer nur als Scheitern vorstellen, aber nur vor dem Wort des großen Philosophen, welches die dritte Erkenntnisart gewesen sein wird. Dorthin aber führen nur sehr schwierige Wege, und nur wenige lernen sie frohen Mutes zu gehen. Jede Verirrung und jede Irrnis kann aber Zeugnis ablegen und vielleicht ist mehr eine unmenschliche Aufgabe.
Zu bedenken bleibt das Ungeheure und Ungemeine einer Kindheit für die Philosophie, besser vielleicht noch ein Kind-werden des Philosophen, das die Philosophie zur Sprache bringt.

Fragment aus dem letzten Jahrhundert für eine Einleitung zu einem ungeschriebenen Buch, welches sich Rudolf Schwarzkogler, Malcolm Lowry, Yukio Mishima und Hans Bellmer widmen wollte.

Hear that hum, baby?

… Detroit, Sufismus, Venedig, Motown, Sun Ra, Heroin, Othello, General Motors, Supremes, Ibn Arabi, Berlin, Thelonius Monk, Jakob Böhme, core-to-surface nightmare, Agrippa von Nettesheim, Kaschmir, Fariduddin Attars, New York, Pussy, Percussion, Jimi Hendrix, dreamscape, Kokain, al-Ghazali, Motor City …

In den frühen 50er Jahren wurde Sadiq Bey in Detroit, der so genannten Motor City, geboren. Eine starke Gewerkschaftsbewegung fördert die Arbeiterkultur und ein funktionelles arbeitsethisches Gefüge kaschiert die gesellschaftlichen und ethnischen Antagonismen. Gleichzeitig setzt der unaufhaltsame soziale Niedergang der Stadt ein. Die Fassade des industriellen Zentrums der USA bröckelt; die nächsten Jahrzehnte sind durch gewalttätige Unruhen geprägt. Begleitet wird diese Erosion aber ebenso durch den unaufhaltsamen Aufstieg der Motown-Musikkultur. Nach dem 12th-Street-Riot 1967 werden die Ghettos mit Heroin überschwemmt. 2000 Häuser brennen. Zahlreiche Tote. Während vor Beys Augen eine Gemeinschaft Schritt für Schritt auseinander bricht, Freund-Feind-Fronten verschwimmen und die Drogen zum Herzmuskel der Gesellschaft werden, dämmert zugleich auch eine neue Welt aus Poesie und Musik herauf.

Inspiriert von dieser Möglichkeit, mit Musik, Rhythmus und Sprache einen neuen Ton anzuschlagen, der einen Ausweg verspricht, beginnt Sadiq Bey sie auf experimentelle Kunstformen anzuwenden und auch in kommunales Handeln einfließen zu lassen. Diversifikation wird somit zum obersten Gebot seiner Kulturproduktion. Vor allem in der Poesie erlangt das musikalische Element zentrale Bedeutung. Gedichte sind immer auch Lyrics. Die Begegnung mit der Poetik des Sufismus ist der entscheidende Übergang. In ihm verschränken sich Lebenspraxis, lyrische Qualität und der Takt des Perkussionisten. Blood pump anatomy.

Die Morgen-Gedichte entstanden aus der täglichen Übung, morgens die Nachtreste in den Tag überzuführen. Eine solche selbst gewählte Disziplinierung entzieht den Dichter seiner bisherigen Lebensführung. Everything has to work together in this recovery. Poesie muss abgerungen werden. Gleichsam ein alchemisches Verfahren, welches das Alltägliche vor der instrumentellen Verengung bewahrt und ihm seine Blöße zurück gibt. Jeder Morgen ein neuer Anlauf. Jeder Morgen ein neuer Übergang. Jeder Morgen eine neue Verführung. This endless, patient poem.

Theo Ligthart and Andreas L. Hofbauer for Sadiq Beys “Albert Ayler bläst in sein Horn und verkündet das Ende” (Edition Raute)

sadiqundich

Sadiq Bey and Andreas L. Hofbauer try their best to look really dangerous … and fail somehow. (Photo: Bianca Regl)

abloesungsversuche

Zementbohrer und Bausteine für unwahrscheinliche Maschinen. Grafikdesign by Philipp Roller / penthouseperfection.com

Sweet dreams are made of this …

Andreas_AusderTonspurPhilipp_AusderTonspur

Philipp Roller and the author Andreas L. Hofbauer half an hour before performing “Aus der Tonspur” for Jan Rohlf and Maverick in Berlin – Prenzlauer Berg (Photo: Maverick)

shadow-ich

And the shadow answered, “I am SHADOW, and my dwelling is near to the Catacombs of Ptolemais, and hard by those dim plains of Helusion which border upon the foul Charonian canal.” And then did we, the seven, start from our seats in horror, and stand trembling, and shuddering, and aghast, for the tones in the voice of the shadow were not the tones of any one being, but of a multitude of beings, and, varying in their cadences from syllable to syllable fell duskly upon our ears in the well-remembered and familiar accents of many thousand departed friends.
(E. A. Poe, SHADOW)

Photo: Bianca Regl

Drache

Die schlange kriecht oder ringelt sich auf dem boden,
stehen ihr flügel zu gebot, so heißt sie drache.
(Jakob Grimm „Deutsche Mythologie“)


Eine Schlange, die noch keine andere gefressen hat, wird kein Drache. [Serpens, nisi ederit serpentem draco non generetur.]
(Hier zit. nach: Heimito von Doderer „Die Wiederkehr der Drachen“)



Sehr geehrter Herr Pfarrer,
Ich danke Ihnen bestens für die ungemein interessante Darstellung. Es ist eine Art von Ritter St. Georg, bei dem aber der untere Teil ein Drache ist. Eine durchaus ungewöhnliche Darstellung! Es ist, wie wenn darin das Bewußtsein ausgedrückt wäre, daß der Drache die untere Hälfte des Menschen ist, was in Tat und Wahrheit ja auch der Fall ist. Man kann daher dieses Bild gut als eine Darstellung des innern Konflikts auffassen oder auch als das Gegenteil, nämlich als einen Ausdruck der Tatsache, daß Drache und Held eigentlich zusammengehören und eines sind.
Diese Einsicht ließe sich aus der Mythologie schon einigermaßen belegen und hätte sehr weitreichende Folgen, wenn sie vergleichend religionshistorisch untersucht würde. Mit vorzüglicher Hochachtung und bestem Dank,
Ihr ergebener
(Carl Gustav Jung an Pfarrer Jakob Amstutz am 23.I.1948)




Lange schon war der Krieger allein geritten und längst hatte er die Zahl der Tage vergessen die verstrichen waren, seitdem er seinem Volk und der großen Armee den Rücken gekehrt hatte. Das hohe Bergmassiv lag weit zurück als er das Wäldchen erreichte, von dem er wusste, dass hinter ihm die große Steppe begann.

Ein letztes Mal hielt er inne um sich umzuwenden. Mit einem Ruck riss er sich los von dem Bild, dessen er gewahr wurde und trieb seine Pferde weiter vorwärts.

Das Wäldchen war nicht groß, doch immer wieder verlor er die Orientierung. Es schien ihm, als wäre er acht Pfaden gefolgt, die ihn aber immer aufs Neue zur selben Weggabelung zurückführten. An dieser Wegkreuzung hielt er nun erneut inne und sah sich um. Überlegte für eine Weile; sollte er wieder einen der schon berittenen Pfade wählen um zu versuchen den Irrtum seiner Abirrung herauszufinden? Doch er entschied sich anders und wählte den neunten Pfad. Vorwärts brach er durch das Unterholz und zwischen den Bäumen hindurch -, geradewegs, bahnend, vorwärts.

So erreichte er das Gestade eines gewaltigen Sees der ihm auf den ersten Blick noch größer schien denn die Steppe, in der sich dieser ausbreitete.

Aus der hohlen Hand trank er Wasser, kniend, neben seinen Tieren. Sein Blick fiel allein und starr auf das sich im Wasser spiegelnde Antlitz eines ihm Fremden.

All dies geschah in einem Zeitraum von dem wir nicht zu sagen vermögen, wie lange er währte.

Kurz nachdem er sich nahe des Feuers über dem er Tee bereitete hingekauert hatte wurde er am Horizont einer Gruppe Menschen gewahr, die auf ihn zustrebten. Befremdlich schien ihm dies, da sie nicht zu Pferde waren, wie hier jedermann. Befremdlicher noch, da es sich offenbar um eine Art Prozession wichtiger und bedeutender Leute handelte, was er aus den mitgeführten Standarten und der Art wie die Gruppe einher schritt schließen zu müssen glaubte. Still und beinahe reglos erwartete er ihre Ankunft.

Die Gruppe die hernach vor dem Krieger stand umfasste folgende Personen: 1. Der Fürst (als einziger unter einer Art Baldachin, der von vier Sklaven getragen wurde und ihn sogar vor der fahlen Sonne dieser Jahreszeit schützen sollte), 2. seine Gemahlin, die Fürstin 3. einige Kleine Gemahlinnen (der Krieger zählte sie nicht), 4. drei Söhne und eine Tochter, 5. einige Damen (auch sie zählte der Krieger nicht), 6. ein paar Vasallen, 7. die Weisen, 8. drei weitere Weißbärte, 9. einige Träger und 10. ein Grüppchen Soldaten.

Der Fürst schritt unter seinem Baldachin hervor und trat grüßend auf den Krieger zu, der sich erhoben hatte. Nahe trat er an ihn heran, der seinen Kopf nur kurz gesenkt hielt und dem Fürsten dann gerade ins Gesicht blickte. Nach einer Weile sagte der Fürst:

– Das Feuer in Deinen Augen und die Glut Deines Gesichts versichern uns, dass Du einer derjenigen bist, nach denen wir Ausschau halten. Ich bin der Fürst dieser Provinz und treuer Knecht des hochmächtigen Khan, dessen Reich ohne Grenzen ist und welches du sehr wohl kennst. Sein Name sei geheiligt und wer ihm den Respekt versagt soll sterben. Wende Deinen Blick nach Westen und Du wirst meines Ails ansichtig werden. Siehst Du meine prächtige weiße Jurte in der Sonne funkeln? Weit, weit reicht mein Land und meine Herden sind zahllos.

Doch großes Unheil hat sich über uns ausgebreitet. Höre von einem meiner weisen Berater, worin es besteht.

Ein hochbetagter Weißbart trat nun neben den Fürsten. Seine Worte lauteten:
– Krieger! Ein Mogur bedroht die Gegend. Ein schrecklicher Drache. Zuweilen erhebt er sich aus den Wassern dieses Sees, an dessen Ufern wir hier stehen. Er steigt hoch und gewaltig auf und spannt seine schwarzen ledrigen Flügel, damit sich die Sonne verdunkle. Aus seinem schnabelförmigen Rachen stößt er das Gekreisch des Vogels Pfau, nur tausendmal lauter. Seine Forderung ist klar. Er will das Fleisch unserer Herden und unserer Töchter, das Fleisch unserer Prinzensöhne schon kurz nach ihrer Geburt. Sein Hunger ist niemals gestillt. Mehr und mehr haben wir ihm vorzuwerfen. Der Khan sandte uns mutige Krieger, doch keiner konnte den Drachen besiegen. Zuweilen verführt dieser Drache seine Opfer gar, indem er sie in einen blinden Wahn reißt. Bewusstlos warf sich mancher schon in seine Klauen. Man erzählt gar von Schafen, die sich vor seiner hochaufgefahr’nen Gestalt auf den Rücken warfen und ihre Bäuche zur Zerreißung hinhielten.
Der Mogur ist in allen Elementen zu Hause. Er steigt hoch auf in die Lüfte. Er bricht durch den Sand der Steppe. Er ist klein wie ein Seidenwurm und im nächsten Augenblick groß wie der heilige Berg, der schon war bevor unsere ältesten Ahnen das Licht dieser Welt erblickten. Es ist eine Erscheinung, die in ihrer Pracht über alle Ufer tritt. Vereinend die gleißende Macht des Mittags mit dem Sturz des Lichts in dunkelste Nacht.
Regelmäßig erscheint er dort drüben am anderen Ufer des Sees neben den Höhlen. Dort zollen wir ihm auch den geforderten Tribut und ebendort erwarteten ihn die Krieger zum Kampfe.

Nachdem der Alte geendigt hatte, trat er wieder zurück in die Gruppe. Abermals blickte der Fürst den Krieger an und ergriff erneut das Wort:
– Gehe hin und töte den Mogur für uns! Nach erfolgter Tat werden wir Dich einladen und Dir die Gastfreundschaft erweisen, die einem Helden gleich Dir gebührt. Es soll dir an nichts mangeln. Es wird ein hunderttägiges Fest geben. Die schönsten Sklavinnen werden Dein sein. Aus dem Brunnen, der so fein gefertigt und beinahe so groß wie der des Khans ist wird Tag und Nacht Kara-Kumys und Wein fließen. Du wirst an meiner Seite sitzen und jeder soll dich höher achten als meine eigenen Söhne. Ich werde nicht länger dein Fürst sein, sondern ein neuer Vater. Geh hin und töte den Mogur und gegeben soll Dir sein, was du wohl schon immer begehrtest. Die Macht und die Glorie des Ruhm’s ewigen Friedens. Wenn du beendet hast den steten Wahnsinn der Opferungen. Sieh’ uns hier mit dir stehen an der Schwelle eines neuen Zeitalters, das nie enden mag.

So sprach der Fürst zum Krieger. Und die Weisen nickten und die Prinzessin lächelte, etwas geistlos möglicherweise, aber vielleicht auch nur verschämt.

Und auch der Krieger nickte.

– Lasst uns ein Rauchopfer tun!
Sie verbrannten Wacholder.

Nachdem der Fürst und sein Gefolge die Lagerstatt des Kriegers verlassen hatte, schlief dieser eine Nacht tiefen, traumlosen Schlafes. Am nächsten Morgen bestieg er sein Pferd und umrundete den See in Richtung der Höhle, die ihm der Weise gewiesen.

Fauliger muköser Gestank überall. Doch er stieg hinein tiefer ins Labyrinth der Höhle. Sah die Gebeine, die zerbroch’nen Bogen, die verrosteten Helmzieren all seiner Vorgänger. Die gebroch’nen Schwerter und Schutzwaffen. Er kroch – durch ihre Gebeine hindurch – tiefer und tiefer hinein. Und mit wildem und mutigem Schrei rief er den Drachen um ihn zu fordern. Seine Stimme echote zwischen den Knochen, die umher lagen wie die ausgespienen und erbrochenen Worte verzweifelter Dichter. Und er schlug an den Stein der Wände, er fluchte in den Staub des Bodens, er lief zurück zum Eingang der Höhle und heulte seine Forderung gen Himmel, um dann wieder in die Tiefen des Abgrunds zu tauchen.

Er wusste nicht, wie viel Zeit verstrich.

Wir wissen nicht, wie viel Zeit verstreicht.

Doch wenigst fühlte er wie er schwächer und schwächer wurde. Und sein Arm konnte das Schwert nicht mehr halten. Ab warf er den Helm und schlohweißes Haupthaar begleitete diesen Fall. Nun kroch er mehr, als er schritt. Er suchte den Eingang zu finden, nochmals. Er war weiterhin gewahr der Knochenberge ringsum.

Und wieder erreichend den Höhleneingang sank er nieder und richtete den Blick auf die Weite des Sees. Mit einem Schlag, das heißt viel zu spät, verstand er nun, dass es niemals einen Drachen gegeben hatte, sondern nur die Schickung seiner Vorväter und –mütter unter der Belagerung des Worts „Die Rache ist mein“. Er sank nieder im Schutt seiner Umgebung. Müdigkeit nahm ihn nun ein. Als ob der bodenlose Schlaf die Rettung wäre vor dem Entsetzen der Traumtage!

Bewahret einander vor Herzeleid,
denn kurz ist die Zeit die Ihr zusammen seid.

„Nach diesem Lächeln in seinem Gesicht zu urteilen, ist er glücklich gestorben.“
„Das ist kein Lächeln. Das ist ein Rictus. Eine Menge Leute, die nicht glücklich sterben, grinsen so.“

Möge dies Grinsen Anzeichen gewesen sein für die Einsicht, dass es niemals einen Drachen gegeben haben wird. Im Himmel ist alles Gewicht der Welt; auf Erden ist aller Schmerz der Welt.

Und sterbend wandelte sich das Antlitz des Kriegers zum ungekannten Gesicht. Was uns zu sehen bleibt, sind die Haufen blanker Knochen, in jenes unendlich matte Weiß getaucht, mit dem ein nie enden wollender Wind sie versehen hatte. Von der Zeltstadt her brüllt Zimbel, Flöte, Muschelhorn und das große Becken. Die Stimmen der jungen Mädchen dröhnen verächtlich in ihrem Gesang. Die Weisen kreischen ihre Gebete. Der Fürst reibt geduldig seine Hände. Die Prinzen bereiten sich vor. So wie sie es alle schon tausend Kalpas zuvor getan.

Die weiße Verzweiflung, nicht aus dieser Welt fallen zu können.

Andreas L. Hofbauer, Märchen

Hell is coming / World ends today

dr-panel

Andreas L. Hofbauer partakes in a situationist play for the inner city of Madrid by Andreas Templin in the framework of Madrid_Abierto 2008. This site serves as an online-publication for the play which happened live in Madrid 7th-15th of February. It features photographs of the participants, provides video-lectures, comments and background-informations on the project.

meine_hand_espresso

Hand of Andreas L. Hofbauer, somewhere in Slowenia after meeting with some Oxen (Photo: Eva Dertschei)