Zwei Novembernächte

OFF-STIMME
Do I hear 21 21 21 ? … I give ya 21 21 21 …

FRANZ SCHUBERT
Die Zeit vergeht dem Pfeile nach. Nichts ist reversibel. Alles fügt sich lückenlos zwischen Trieb, Natur und Geschichte. Dieser andere Lebenskreis, ist er das Glück der Ferne? – Aber ich träume ihn doch nur, um mehr denn je zu erschrecken. Ich will nicht Aufwachen, das Erwachen ist der Tod, den ich wenigst’ einmal täglich zu sterben habe.

REV. JIM JONES
Jede Nacht die ich nicht schlafen kann ist White Night. Und zwar für alle. Man muss das einfach inszenieren. Damit verstanden wird, was da vorgeht. Ehe sie dann im wirklichen Leben gelyncht werden. Man muss sich vorbereiten.

FERDINAND MAXIMILIAN JOSEPH VON ÖSTERREICH
Das ist kein Psychodrama hier, verdammt noch mal!

OWEN CHASE
Ein gutes Schiff, ihre Novara. Vortrefflich! Sie brachte sie sicher von Miramar nach Miravalle. Landungsbrücke Endstation. Und dann wieder zurück mit der Leiche. Tegetthoff höchstpersönlich hat sie heimgebracht, mein lieber Max. Imposanter als unsere Essex allemal. Zuvor aber hat dies wunderbare Schiff schon das Blatt des Cocastrauchs nach Europa gebracht, wo es seiner chemischen Nutzbarmachung harrte.

FRANZ SCHUBERT
Die Novaragasse kenne ich. Führt sie nicht geradewegs zum schönen Praterstern in Wien? Meinem so heiß geliebten Wien? Aber auch eine übel beleumundete Gegend. Aber – weit bessere Bordelle als dasjenige, in dem wir uns hier gerade aufhalten. Kontinentaler.

FERDINAND MAXIMILIAN JOSEPH VON ÖSTERREICH
Ohne mich kein Lissa! Wie wahr …

FRANZ SCHUBERT
Dieses Kranksein. Ich fühle mich beständig krank.

FERDINAND MAXIMILIAN JOSEPH VON ÖSTERREICH
Ach was: Gesundheit ist das Schweigen der Organe. In ihnen schreit es einfach vor sich hin.

FRANZ SCHUBERT
Der Mensch gleicht einem Balle, mit dem Zufall und Leidenschaft spielen.

FERDINAND MAXIMILIAN JOSEPH VON ÖSTERREICH
Als ich zum ersten Mal in der Kathedrale von Granada die Kroninsignien der Reyes Católicos Ferdinand und Isabella sah, da wusste ich sofort um meinen hispanischen Auftrag. Bei Gott, wie sehr wollte ich den schweren Särgen gerecht werden, die sogar noch von Jesus getragen werden müssen. Ferne ist gar nicht fern. Wir sehen sie ganz nah. Wie eine Kugel im Hirn. Kat-holos.

(…)

FERDINAND MAXIMILIAN JOSEPH VON ÖSTERREICH
Ich bin so melancholisch, tiefsinnig und fühle mich verlassen, dass ich weinen möchte wie ein kleines Kind.

REV. JIM JONES
Die Tiere habe ich immer geliebt. Schon als Kind habe ich sie auch eingesegnet. Ich habe an den Gräbern der kleinen Kätzchen und Hündchen, der kleinen Sittiche und Buchfinken gebetet. Manchmal, wenn es nichts einzusargen gab, musst ich freilich nachhelfen. Aber es geht eben nichts über ein schönes Leichenbegängnis.

OFF-STIMME
Anstatt bei meiner Geburt wenigstens vor dem Kreissaal zu warten um mein erstes Schreien willkommen zu heißen, haben sich mein Vater und mein Großvater – Fluch über die unerbittliche Kette der Generationen – dabei vergnügt, den Haushund unter die Erde zu bringen im heimatlichen Anwesen, in der Heimaterde. Aber auch, wenn du weißt, wo der Hund begraben liegt, wird dich dies Wissen niemals erlösen.

OWEN CHASE
Ich hasse die Emergenz des Wals. Er ist das Sinnbild einer Wand, das sich inmitten der Gesellschaft der Freunde aufgerichtet hat. Kill the whales, break through the walls.

FERDINAND MAXIMILIAN JOSEPH VON ÖSTERREICH
Freunde! Wir sind nicht allein. Ich kann zumindest eure Schatten sehen in diesem Reich erleuchteter und erlauchter Nacht. Freunde!

REV. JIM JONES
Scheiß Quäker! Hirnlose gierige bigotte Schweine. New England White Trash! Diese religiösen Gesellschafter der Freunde. Ein Haufen nach Walfett stinkender Bibelfester.

FRANZ SCHUBERT
Was das Schicksal so geschrieben haben wird, dem kann nicht ausgewichen werden. Jeder, der dem unvermeidlichen Ziel entgehen will, steht endlich umso gewisser an der Wand, die jenes für ihn errichtete. Atemlos und voll blinder Hoffnung irren wir angesichts dieser Horizontlinie durch die weltgewordenen Albträume. Ein Schatten löst sich aus der Ferne und eilt auf uns zu. Wir erwarten ihn mit offenen Armen. Sehnsucht nach dem Abschluss der Einsamkeit.

FERDINAND MAXIMILIAN JOSEPH VON ÖSTERREICH
Als ich in Querétaro an meiner letzten Wand anlangte, war ich nicht allein. Wie Christus hatte ich zwei Freunde an meiner Seite.

(Es erklingt wieder das Lied La Paloma. FERDINAND MAXIMILIAN JOSEPH VON ÖSTERREICH singt ein wenig mit. Wenn er das Wort „Ferne“ erreicht, singt er aus voller Brust.)

(…)

OWEN CHASE
(steht auf, bestimmt)
Manchmal kann ich die Löcher sehen, die mich umgeben. Hineingefräst in eine Welt, als wären sie Tunnels, die vielleicht in andere Universen führen. Hineingefressen in die fleischliche Welt. Aus diesen Löchern weht ein kalter Wind. Er schmerzt in meinem Auge, wenn ich einen Blick hineinwerfe. Doch dieser Schmerz bestätigt nur unser Wissen, dass da gar keine anderen Universen vorhanden sind, sondern nur dieses eine, zerschossen von Schächten der Verzweiflung, von Kavernen, die durch die Mauern unserer Erstarrung kriechen, um sich gespenstisch zu schließen, solide werden, sobald man ihrer einmal gewahr wird. Kein Sesam öffnet sich, um uns hinaus zu lassen. Wer einmal so einen Tunnel betritt, findet sich unweigerlich vor dem zuzementierten Aus- oder Eingang wieder. Manchmal nimmt man diese Löcher auch an sich selber wahr. Sie öffnen das Fleisch nicht in Form einer Wunde oder einer Stigmatisierung, sondern sind unscharf begrenzte Zonen im Fleisch, so wie ein flimmerndes Fernsehbild und nicht der aufgerissene Fleischkörper.

REV. JIM JONES
Wir schreiben Löcher in die Welt. Ja, wir sind sogar diese in die Welt geschriebenen Löcher. Nicht dazu da, mit den Träumen der anderen gefüllt zu werden, Fluchtorte für ihre Phantasien zu sein, Bergungsstätten – nein: nichts weiter als bloße unfruchtbare leere Löcher.

OWEN CHASE
Der Traum eines jeden großen Regisseurs, nicht wahr?

FRANZ SCHUBERT
Es ist, glaube ich, Zeit zu gehen.

FERDINAND MAXIMILIAN JOSEPH VON ÖSTERREICH
So ist es.

OWEN CHASE
Ja. Gehen wir. Wie oben, so unten!

REV. JIM JONES
Na, dann woll’n wir mal …

(Sie verharren regungslos.)

OFF-STIMME
(verzerrt, mechanisch)
Do I hear 21 21 21 ? … I give ya 21 21 21 …

OWEN CHASE
Wir sind da.

(AUS)

Excerpt of Andreas L. Hofbauers stage play Zwei Novembernächte

Zwei Novembernächte (expositorisch)

In zwei Nächten – nämlich der vom 18. auf den 19. und von diesem wiederum auf den 20. November 20XX – treffen folgende Personen / Masken aufeinander.

FRANZ SCHUBERT (gest. am 19. November 1828), OWEN CHASE (1. Maat und Überlebender des Walfängers Essex, der am 20. November 1820 von einem angreifenden Wal versenkt wurde und dessen Aufzeichnungen später Herman Melville zu seinem Roman Moby Dick inspirierten), Rev. JIM JONES (der am 18. November 1978 über den größten Massenselbstmord der Geschichte, nämlich den seiner Sekte The Peoples Temple in Guyana präsidiert) und FERDINAND MAXIMILIAN JOSEPH von ÖSTERREICH (späterer Kaiser von Mexiko, am 19. Juni 1867 hingerichtet). Durchschossen wird dieses Treffen durch eine OFF-STIMME, die auch ein wenig den Autor (geb. am 19. November 1967) vertritt.

1. Nacht: Vorzimmer eines Bordells. Man wartet auf die Damen. Einrichtung beliebig.

2. Nacht: Vorhölle. Man wartet auf Luzifer. Es bleibt dunkel, bis auf den Glanz der Neonlichter.

Die Sprache: gespenstisch-spektral. Das erpresserische Diktat der Kommunikation ist ausgesetzt, die Gabe der Mitteilung aber unerreicht. Erzwungene Verworfenheit, psychotische Rede und Widerrede. Angestrebt ist keine Ausbeutung etwaiger Zahlenmystik, sondern die rissigen Psychogramme sind Belichtungen aus der Dunkelkammer der Träume, in denen sich Zufall und Notwendigkeit verschränkt haben werden.

Short synopsis for the stage play 2 Novembernächte by Andreas L. Hofbauer

Goya Adaptionen

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Seit etwa 4 Jahren setzt sich etwas in Bilder um, das anfänglich durch den Eindruck ganz anderer Bilder angestoßen wurde. Es waren Filmbilder. Zuerst aus Konrad Wolfs Goya, später dann solche aus dem Film von Carlos Saura. Und dann freilich Goyas Bilder selbst. Gesehen und immer wieder neu gesehen in fotografischen Reproduktionen aus Katalogen und Büchern, die sich in Petra Schramms Atelier zu stapeln begannen.

Ihre kontinuierliche Auseinandersetzung mit und ihre Sich-selbst-Aussetzung zu all diesen Bildern erfährt in dieser Ausstellung nun einen – so möchte ich sagen – Zwischenstopp. Denn dass hier etwas Serielles und Manisches zu Tage tritt, das seiner Fortschreibung harrt, ist wohl rasch einzusehen. Seriell jedoch nicht im Sinne abzählbarer Reihen und Manisch nicht im Sinne des Krankenbefundes.

Warum also Goya Adaptionen? Zuerst scheint auffällig, dass die Adaptionen im selben Medium bleiben. Bilder unterhalten eine Art Zwiesprache mit anderen Bildern, die schon vorher und anderswo zu sprechen begonnen haben. Selbstredend verfügen diese Bilder über unterschiedliche Verfasstheiten. So erweisen sie sich zum einen, wie schon gesagt, als kinematografische Einflüsse von Bewegungsbildern, ebenso sind sie aber auch Beeinflussungen von Reprografien malerischer Bilder aus Katalogen. Ein Vorgang übrigens, der sich auch ähnlich bei Francis Bacon finden lässt. Kompositorisch werden einzelne Elemente dieser Bilder (wobei es sich oftmals um ein Kompositum aus mehreren Elementen unterschiedlicher Bildern handeln kann) von Schramm aufgenommen und mit etwas verbunden, was ich hier, möglicherweise voreilig, subjektivistische Manier nennen möchte. Historische, persönliche, psychische, sexuelle und unbewusste Spannungen der Malerin strömen so über die Vektoren und Attraktoren, die diese anderen Bilder nun geworden sind in jene Bilder ein, die Sie hier sehen.

Dabei wird kein Fließgleichgewicht eingehalten oder aufrechterhalten, sondern zuweilen etwas pointiert hervorgehoben, anderes abgesenkt, wiederum anderes aus dem Spannungsverhältnis neu geboren … Das adaptive Moment wird so zu einer Übersetzungsleistung, die aber in keiner Papa-Mama-Sprache ankommen lässt, sondern Fremd-Werden verheisst. Sich also zugleich dem Kindischen zuwendet und sich von einer universalen Bild-Sprache verabschiedet. Das ist einer der bemerkenswerten Züge, den diese Adaptionen mit Francisco de Goyas eigenen Absichten teilen, hielt dieser doch nachgerade bockig an einer Idyoma Universal fest, während im Laufe der Jahre (beginnend aber schon bei den ersten stolz von ihm selbst gezeichneten, d.h. von ihm völlig unüblich zum Beispiel als „vom Maler Goya selbst entworfen“ unterzeichneten Tapisseriekartons) ein El Autor die Bühne betritt. Also nachgerade ein gespiegeltes Verhältnis, wobei Schramm Goya gleichsam von der anderen Seite her in die Arme läuft. In derartigem sich In-Einander-Verlaufen machen sich Bilder wechselweise beredt, oder sie lernen aber so wenigstens selber zu stehen – oder zu laufen.

Man könnte nun noch auf einige Aspekte hinweisen, die Goya selbst als adaptiven Künstler in diesem Sinne herauszustellen vermöchten, vorallem seine Bezugnahmen auf die zeitgenössische Literatur einiger seiner Freunde, vor allem Leandro Fernándes de Moratín. Ein Gedanke, der oftmals verlorengeht, wenn man darüber nachdenkt, wie Goyas Werke von Künstlern wie Bunuel, den Chapman Brothers bis hin zu Clive Barker adaptiert wurden. In Ermanglung der Zeit will ich mich nun aber einem Einzelaspekt zuwenden, der meiner Ansicht nach in dieser Ausstellung besonders zum Tragen kommt.

Das Tier und der Sex.

In Petra Schramms Bildern erfährt Sexualität eine differenziertere Darstellung als bei Goya. Sind seine Darstellungen meist sarkastischer, zynischer oder offen sadistischer Natur, so verschränkt sich in Schramms Bildern eine meist gewaltsame Inbesitznahme oder Abwehr beider Geschlechter untereinander (oder aber eines menschlichen „Geschlechts“ und eines „Dämons“). An die Stelle einer sexuellen Bedrohung, die als Fundament geschlechtlicher Beziehung angesehen wird, tritt eine geschlechtliche Bedrohung sexueller Beziehungen, die allerdings offen läßt wer oder was, wen oder was bedroht (zuweilen mag man an Vergewaltigungen denken, dann jedoch wieder an auffliegende, aufglühende Frauenkörper …). Dies bringt eine Verletzlichkeit und deren Würde zum Aufschein, die dem kalten Erotismus Goyas wohl abgeht. Eine Verletzlichkeit oder gar Wunde des Geschlechts, das nun im Wortsinne die Gesellschaft in der Zeit (also: Säkularisierung) meint. Durch diesen wärmeren und virilen Zug entsteht eine Bejahung des Lebens (auch in der Verzweiflung eines Über-Lebens), die dem nihilistischen „Nada. Das bedeutet es“ aus den „Desastres“ Goyas gegenübersteht oder dies wenigst ergänzt. Dadurch zeigt sich eine spezielle Beziehung des Malerischen zum Fleischlichen oder Körperlichen an, deren sinnliche Spur durch den Malakt selbst im Bild geborgen wurde. Durch diese Bewegung wird auch das Tier in eine neue Position gehievt, die nicht länger nur eine illustrative Funktion für den pueblo, das Volk, besitzt oder in fabelhafter Form diesen versinnbildlicht. Gleichsam tritt hier nun eine Kreatur ohne Schöpfungsmythos in den Vordergrund. Und in solchem Schulterschluss zwischen Trieb, Schmerz und gesellschaftlicher Verzichtsleistung, gewinnt das sexuelle Streben eine neue profane Bedeutung. Menschen werden Tiere, Tiere werden Menschen. Dies ist zuweilen rührend, zuweilen komisch, zuweilen unheimlich. Ein Merkmal, das bei Goya klar zu kurz kommt, ist bei ihm doch das menschliche Vernunftwesen oder das rationale Menschenwesen immer der Endpunkt jedweder kritischer Anstrengung.

Und da ich nicht glaube, dass man hierbei nun mißverständlich an ein tierethisches Argument dachte, ist es eigentlich auch überflüssig auf die Anekdote hinzuweisen, dass Goya ja zum einen beinahe bitterlich den Zustand eines Jagdhundes beklagte, der ihm aus Saragossa nach Madrid übersandt wurde, jedoch den ganzen Weg neben der Postkutsche herlaufen musste, zum anderen seine Tierliebe allerdings auch Grenzen kannte, vorallem wenn es sich um jagdbares Geflügel oder sonstiges Getier handelte. Ganz zu Schweigen selbstverständlich auch von den Stieren bei der corrida.

Es durchzieht also auch eine geheime lebendige Fröhlichkeit die Bilder Petra Schramms. Das ist nicht zuletzt ein heiteres Antidot gegen die Dyspepsie gesellschaftlicher Verhältnisse. Francisco de Goyas Humor war etwas anderer Natur. Denn vergessen wir nicht, dass er dem schwarzen „Saturn“ in seiner „Quinta del Sordo“ täglich beim Essen ins Auge blickte (und dass Goya gerne aß wissen wir nicht nur aus der Höhe der Rechnungen, die ihm allein wegen Schokolade ausgestellt wurden), oder – sollte er auf der anderen Seite des Tisches gesessen haben – ihm dieser „Saturn“ mit seinen „Telleraugen“ unverwandt in den eigenen Suppenteller sah.

Speech, held by the author Andreas L. Hofbauer at the opening of Petra Schramms exhibition „Goya-Adaptionen“, 2004 at Ausstellungsmanufaktur Hertzer GmbH, Berlin

Cowboys on Dope

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Andreas L. Hofbauer and a friend, wearing pieces of art by Andreas Templin, looking at a poster. Any correspondence to philosophy is purely accidentally.

(Photo: The Queen Mab)

Seide wird zerrissen, um sie besser verstehen zu können

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Ca. 20’ Laufzeit. Loop. 2 Schauspieler. Eine Frau. Ein Mann. Frau: ca. 30 Jahre alt. Trägt ein historisches Kleid. Helle Farbe. Wirkt ein wenig wie ein Kittel (jedoch ohne Anklänge an Upperclass oder Heilanstaltsinsassin). In der Mitte durch Mieder versteift. Mann: ca. 50 Jahre. Neutral gekleidet. Nicht historisch. Möglicherweise gedeckter schwarzer Anzug. Raum: Trägt der Idee “Falte” Rechnung, indem er mit Mollton (weiß) ausgekleidet ist.

Der gesprochene Text bleibt möglichst nah am Original. Interaktion zwischen den beiden Figuren ist zumeist nur gestisch und figuriert sich entlang des Textmaterials. Die Frau spricht zuweilen in der dritten Person über sich, so als ob sie über eine Freundin oder eine ihr bekannte Person spräche. Die Konversation und die Reden bleiben gespenstisch. Vagheit herrscht vor. Keine Kommunikation im eigentlichen Sinne.

[Großaufnahme; Gesicht des Mannes frontal; während er spricht, fährt die Kamera zurück]

Mann:
Ich saß auf dem Stuhl nicht wie gewöhnlich, sondern rittlings, und der Sitz war mit Samt überzogen. Da mir die Empfindungen angenehm waren, habe ich es noch einmal gemacht; aber niemals hatte ich von dergleichen reden hören. Der Gebrauch des Fingers ist erst später gekommen.

[Frau; nun neben dem Mann im Profil]

Ich habe geheiratet, um ein schönes Kleid aus schwarzer Seide zu haben, das aufrecht steht. Nach meiner Heirat zog ich noch Puppen an; das tue ich noch immer gern. Die Seide hat ein Rauschen, ein Zirpen, das mich kommen lässt. Schon das Wort Seide sagen hören, oder sich die Seide im Gedanken vorstellen genügt, um eine Erektion der Sexualorgane hervorzurufen. Der vollständige Orgasmus stellt sich bei der Berührung und vor allem bei der Reibung der Seide an dieser Region ein. Jeden Tag gab ich mich der Masturbation hin. Die normalen sexuellen Beziehungen verschaffen mir keinen Genuss.
In den großen Warenhäusern habe ich oft gestohlen. Mein Strafregister verzeichnet 26 Verurteilungen. Einmal wegen Entwendung eines Seidenkleides, das ich nach dem Diebstahl zusammengerollt und unter dem Rock zwischen meine Schenkel gesteckt habe. Eines Tages trat ich in ein großes Warenhaus ein, getrieben wie von einem Zwang. … In der Seidenabteilung faszinierte mich ein Kleid aus heller blauer Seide, es stand aufrecht. Eine Seide, die nicht steif steht, sagt mir nichts. Darauf war Spitze. Ich habe dieses Kinderkleid genommen, habe es unter meinem Rock verschwinden lassen, in einer großen Tasche mit einem Zipfel habe ich das Kleid genommen und damit masturbiert, mitten im Geschäft, beim Aufzug, dann im Aufzug, wo ich am meisten Genuss hatte. In diesen Momenten schwillt mein Kopf, mein Gesicht wird karmesinrot, die Schläfen schlagen, nur so kann ich genießen. Danach nehme ich den Gegenstand oder lasse ihn. Als man mich überraschte, warf ich ihn weg. Ich habe ihm sogar einen Fußtritt versetzt. Masturbation allein macht mir kein großes Vergnügen, aber ich vervollständige sie, indem ich an das Schillern und das Rauschen der Seide denke. Manchmal, wenn ich mit der Seide masturbiere, habe ich sogar an Männer gedacht. Auch wenn mir der Mann nichts macht.
Ich liebe die Seide, die ganz allein steht.

Excerpt of a screenplay, written together with Theo Ligthart for a Video-Installation (not executed yet) on Gaetan Gatian de Clérambault and the erotics of touching fabrics. We used original lines (translated by Walter Seitter) put on the record by female inmates of the police asylum, in which Clérambault used to work in Paris.

Umbro is me

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(Photo by Theo Ligthart)

7 – Anmerkungen zur Arbeit eines öffentlichen Träumers

Das Ordnungsprinzip dürfen nicht sieben Kapitel sein, sondern sieben mal sieben, … [d]aß [sic] heißt, ein Kapitel sind sieben Personen, das andere Kapitel sind sieben Handlungsorte des Brunke, das andere sind sieben Orte des Notierens von mir, das nächste sind möglicherweise sieben Formen, dann sind es sieben Türen, dann sind es sieben verschiedene Bilder, die sich die Leute von ihm gemacht haben, in den Akten oder Aussagen oder von den Handlungen.
(Thomas Brasch, [Brunke-Konvolut, S. 401])


Das Ordnungsprinzip dürfen nicht sieben Stichpunkte sein, sondern sieben mal sieben, das heißt, so viele Stichpunkte so viele Masken, das andere sind sieben Handlungsorte der Verzeichnung, das andere sind sieben Orte des Notierens von mir, das nächste sind möglicherweise sieben Maschinen oder Häuser, dann sind es sieben Türen, dann sind es sieben verschiedene Bilder, die sich die Leute von ihren Verlustierungen machen und gemacht haben, in ihren Akten oder beiläufigen Aussagen oder von den daraus resultierenden Handlungen.

(Andreas L. Hofbauer [7. Anmerkung zur Arbeit eines öffentlichen Träumers, also: HIER])

49. Eine Tür, an die Wand gemalt.

48. „Jericho aber war verschlossen und verwahrt vor den Kindern Israel, so daß niemand heraus- oder hineinkommen konnte. Aber der HERR sprach zu Josua: Sieh, ich habe Jericho samt seinem König und seinen Kriegsleuten in deine Hand gegeben. Laß alle Kriegsmänner rings um die Stadt herumgehen einmal, und tu so sechs Tage lang. Und laß sieben Priester sieben Posaunen tragen vor der Lade her, und am siebenten Tag zieht siebenmal um die Stadt, und laß die Priester die Posaunen blasen. Und wenn man die Posaune bläst und es lange tönt, so soll das ganze Kriegsvolk ein großes Kriegsgeschrei erheben, wenn ihr den Schall der Posaune hört. Dann wird die Stadtmauer einfallen, und das Kriegsvolk soll hinaufsteigen …“ (Jos. 6; 1-6)

47. Ich

46. Im Schoß des in einem selbst errichteten und später so genannten Erektions- oder Exekutionsstuhl aufgefunden Leichnams des Architekten D. H. aus dem Westteil der Stadt Berlin findet sich ein 2000 Seiten Konvolut, dessen letzte Seite – die von rechts oben nach links unten ausgestrichen ist – die Anweisung gibt, von einem Schriftsteller restauriert zu werden, der eine Pause benötige beim Herstellen künstlicher Charaktere und sich dergestalt einen neuen Beruf zu verschaffen vermöchte, und zwar eben den eines Restaurators. Dieser Schriftsteller kann hernach das so Herausgestellte unter eigenem Namen veröffentlichen, jedoch nicht in das Gefängnis eines Buch-Hauses hinein – und somit in das ebensolche Gefängnis eines notwendig dazu gehörenden Verlags-Hauses – sperren, sondern selbiges nur etwa an Zeitungskiosken oder in Einkaufspassagen zu Entbindung bringen.

45. Künstliche Charaktere, Käufliche Personen; die Liebe und ihr Gegenteil.

44. Du

43. Eine seltsame zölibatäre Maschine, ein bemerkenswerter Beeinflussungsapparat. So ganz ohne Drähte und Knöpfe einer analogen Maschinerie. Gibt es eine Klinik für dieses Symptom?

42. Die Identifikation in der Mechanik der Objektwahl geht der eigentlichen Objektsetzung, also der Objektwahl durch Projektion voraus. „Nicht die Geschichte von Brunke ist die Geschichte, die erzählt werden muß, sondern die Geschichte von einem, der sich in die Bruhnke-[sic]Geschichte verbeißt, weil er etwas anderes verschweigen will“, schreibt Thomas Brasch. Und es stellt sich dabei nicht einmal die Frage: Aber was?

41. Er

40. Thomas Brasch und sein Konvolut über Brunke sind die Restauration des Konvoluts des Architekten D. H. über Brunke, das seinerseits wiederum wohl als die Restauration Brunkes als Konvolut angesehen werden muss. (Denn Karl Brunke verfügt nur über den nie geschriebenen Text mit dem Titel „Die Liebe und ihr Gegenteil“)

39. Eine Drehtür

38. „Und beim siebenten Mal, als die Priester die Posaunen bliesen, sprach Josua zum Volk: Macht ein Kriegsgeschrei! Denn der HERR hat euch die Stadt gegeben. Aber diese Stadt, und alles was darin ist, soll dem Bann des HERRN verfallen sein. Nur die Hure Rahab soll am Leben bleiben und alle, die mit ihr im Hause sind; denn sie hat die Boten verborgen, die wir aussandten. Allein hütet euch vor dem Gebannten und laßt euch nicht gelüsten, etwas von dem Gebannten zu nehmen und das Lager Israels in Bann und Unglück zu bringen. Aber alles Silber und Gold samt dem kupfernen und eisernen Gerät soll dem HERRN geheiligt sein, daß es zum Schatz des HERRN komme.“ (Jos. 6; 16-20)

37. Sie

36. Cotheniusstraße 1

35. Diverse Verbindlichkeiten eines Mannequins

34. Kein Traum rechnet; weder richtig noch falsch. Er fügt nur mitleidlos Zahlen zusammen. Bringt sie in Form nichtkalkulierbarer Notwendigkeit.

33. Abkühlen des Textes auf Protokolltemperatur!

32. Eine der ägyptischen Hieroglyphen der Zahl 7, die vor allem in späterer Zeit häufige Anwendung fand ist, ein nach links gewendeter Kopf, was nicht zuletzt mit der Zahl der Öffnungen in selbigem zusammenhängt.

31. Kopfgeburt

30. Es

29. Schädelnaht

28. Landsberger Allee / Ecke Petersburger Straße

27. Schädelhaus des Kopfes, eingepfercht zwischen Gesicht und Gericht.

26. Alles Blumige muss durch eine Art Analyse ersetzt werden.

25. 25. April 2004, Restaurant Cantamaggio, Berlin-Mitte, abends.

24. Eine Tapetentür

23. Lust + Verlust = Verlustierung

22. Wir

21. „Wenn Liebe Verwahrung heißt, also verwahrt oder bewahrt zu sein, dann müsse das Gegenteil ja Verwahrlosung sein.“ (Thomas Brasch)

20. Wie sollte denn ein Staat an einer „Liebesmaschine interessiert sein, die wie Einsteins Relativitätstheorie Zeit und Raum vom Kopf auf die Füße stellt und wie Freuds Entdeckung von Traum und Trieb das Leben im Bett vom Bauch auf den Rücken dreht und beide Glücksfälle zusammenführt, die den Menschen das Vorhandensein eines anderen Menschen und alle damit verbundenen Tode überflüssig macht, die sprechen und singen und umarmen und streicheln und verzeihen und küssen kann und ihren Besitzer erniedrigen und von ihm erniedrigt werden will, die an seine oder ihre Freunde ausgeliehen und dabei beobachtet werden darf, die in eine Haut gekleidet ist wie jene Haut, die du in meinem Kopf in dein Kistchen verwahrt hast …“?

19. Spielmannstraße 1

18. „Am 17. Oktober kaufen wir den Revolver.“

17. Eine Maschine, wie jene, die das Fräulein Natalija A., 31 Jahre, ehemals Studentin der Philosophie, nun stocktaub und sich ausschließlich schriftlich verständigend, entdeckte. Irgendwann um 1919 und dem Dr. Tausk vielleicht in Wien davon erzählte. Seit sechs Jahren steht sie unter dem Einfluss dieser Maschine, die verbotener Weise in Berlin erzeugt wurde und betrieben wird. Ein kopfloser Rumpf in der Form eines Sargdeckels, mit allen Gliedmaßen, nur nicht mit den so genannten Geschlechtsorganen – diese seien entfernt worden. Jede Manipulation an der Maschine ist eine Manipulation an ihrem Körper. Jeder Schmerz der Maschine ist der ihre. Wie das Gefühl des Geschlechts fehlt, fehlt auch der Kopf, oder ist wenigst für sie nicht sichtbar.

16. Ein Fragezeichen, wie es in der spanischen Sprache üblich ist.

15. Unbedingte Beziehungen sind nicht möglich!

14. Der Architekt D. H. entschloss sich, nachdem er herausfand, dass die Sieben die magische Zahl Brunkes sei, unter vollständigem Verzicht auf Nahrung und Schlaf in sieben Tagen die sieben Lebenskapitel des Brunke zu Papier zu bringen und dergestalt sich so vollständig auszudenken, auf dass Platz für Brunke in seinem Schädelhaus entstehe. Sollte dies nicht gelingen, bemesse er sich derart wenig Gewicht bei, dass ein Bindfaden auszureichen hat, um aus dem Ausrufezeichen das Brunke war ein Fragezeichen, das er in diesem Falle für immer bleiben müsste, zu machen, das sich in den Tod krümme.

13. „Rahab aber, die Hure, samt dem Hause ihres Vaters und alles was sie hatte, ließ Josua leben, weil sie die Boten verborgen hatte, die Josua gesandt hatte, um Jericho auszukundschaften. Zu dieser Zeit ließ Josua schwören: Verflucht vor dem HERRN sei der Mann, der sich aufmacht und diese Stadt Jericho wieder aufbaut! Wenn er ihren Grund legt, das koste ihn seinen erstgeborenen Sohn, und wenn er ihre Tore setzt, das koste ihn seinen jüngsten Sohn!“ (Jos.; 25f.)

12. „[S]o erscheint die Himmelswölbung mir beinahe als das Inn’re eines ungeheuren Schädels und wir als seine Grillen! – Ich bin eine, die er, wie sehr ich auch mich sträube, im Begriff ist zu vergessen!“ sagt der Marius bei Grabbe.

11. Ihr

10. Monumentenstraße 1

9. Die Ägypter unterteilten die Elle in 7 Handbreit um zur königlichen Elle zu gelangen. Dies führte zu einer subtilen Verbindung zum Gott der Schreiber, Thot, dessen schriftliche Fixierung für die ewige Gültigkeit von Ereignissen bürgt. (Gleich der Anwendung der königlichen Elle in der Architektur). Um seine protokollierenden Handlugen magisch zu fixieren, besteht sein Schreibutensil aus den sieben Binsen. Die Idealzahl der Schreibutensilien einer Palette ist folglich ebenso die sieben; – Thot, der im Jenseitsgericht protokolliert, dort, wo die Verstorbenen wieder belebt werden.

8. Die Heilige Familie unter ein Dach zu bringen war Karl Brunkes anfänglicher Plan. Oder etwa doch der seiner Mutter, aus deren Fuge er kroch? Architekt D. H. in Berlin hat diesen Plan aufgegeben, da er ein anderes Geheimnis hinter dem Tun Brunkes entdeckt zu haben glaubte. Der Verweis auf diese seltsame und doch so brauchbare Öffnung im Schädel – „jene sich kurze Zeit nicht schließende Fuge im Kopf des Säuglings (von der Natur klug eingerichtet, um die Fuge der Mutter nicht zu verletzen, den Kopf also verschiebbar zu machen, auf daß er nicht in Mitleidenschaft gezogen wird durch den engen Geburtskanal, durch den er zurück will ein Leben lang)“ – alles nur eine raffinierte Idee Brunkes eine achte Öffnung einzumahnen, die ihm einerseits zur Stelle eines nützlichen Arbeitsplatzes verhilft, ihm aber zum anderen später bei Gericht zum Nachteil oder Einwand gereichen wird.

7. Doch kaum Platz genommen auf dem Stuhl der zölibatären Maschine nimmt der Abgang vom Uterus terrae matris seinen Lauf.

6. Jedem Auftritt ist der uranfängliche Abtritt beigegeben.

5. Das Glück eines dritten Geschlechts, das sich ausbildet hinter den Fraternisierungen von Bank und Bordell.

4. Sie

3. Der Poet als Architekt, der Architekt als Maschinist, die Klammer des Maschinischen, die alle Häuser und Köpfe heimsucht.

2. Die Städte Kanaans waren bloß kleine Verwaltungszentren Ägyptens, in denen lächerlich machtlose Fürsten mit ihren kleinen Stäben lebten. Jericho verfügte über keinerlei Befestigungsanlagen. Es ist sogar möglich, dass die Israeliten unter dem historischen König Josiah bloß Ruinen zwischen verstreuten Hirtensiedlungen vorfanden. Darüber, wie es den Huren oder käuflichen Personen im Allgemeinen oder Speziellen dort erging, ist so gut wie nichts bekannt.

1. Das Haus für Brunke wird nicht fertig.

0. Eine Tür, in einer Mauer, die es nie gab. – Und an dieser Schwelle vor einer neuen ungeahnten Tür und einem neuen ungeahnten Grund vielleicht, wandelt sich die Wand zum Gewand, schält sich der TraumBrunke („Das Blanke Wesen“) mit einer verrosteten Nagelschere die Haut vom Leibe und legt sie erstmals nicht mehr fein säuberlich zusammengefaltet in ein Kistchen oder in sonstige Lade, sondern wirft sich das Kleid über die Schulter und … läuft … los …

Andreas L. Hofbauer for Juliettes Literatursalon and the Jewish Museum of Berlin. This text was red / dreamt by the author himself for the first time in public on April 25, 2004, at Cantamaggio (Berlin). It refers to Thomas Brasch small book “Mädchenmörder Brunke” and the several thousand pages of the so called “Brunke-Konvolut/Die Liebe und ihr Gegenteil” by the same author. Brasch, Brunke, east, west, Jewish, German, murderer, bank teller, piano teacher, Kabbala, bachelor-machine – a wondrous textlandscape.

second-hand experience / stormscene

… teuflisch kalt gegen den Wind zu reisen. Schöner Tag – freundliche Menschen.
Herman Melville, Tagebuch einer Reise von New York nach London 1849

Letzte Windmaschine vor der Schlacht!
Blixa Bargeld, Headcleaner

Geht es nach der Beaufort-Skala (begründet durch den späteren Knight Commander of the Bath Francis Beaufort der British Navy), dann sind die 120 km/h wie sie die Windmaschine Andreas Templins in dessen Installation „Sturmszene“ zum Einsatz bringt gewiss ein Sturm, gar ein Hurrikan. Zugleich stellt diese Windmaschine aber auch die Basis einer Simulation dar, mehr noch eines Simulakrums 2. Ordnung. Wieso das? Weil die Szene in die sich der Rezipient versetzt findet einem Filmset gleicht, in dem er/sie als Akteur oder Akteurin selbst zur Erfahrungsoberfläche wird. Ist jedwede Wahrnehmung notwendig Distanznahme (sonst ließe sich außer Rauschen und Brausen gar nichts erfahren und man ist deshalb eigentlich immer irgendwie im Auge des Orkans), so wird dies hier erhebend anschaulich gemacht, da ein vorgeblich reiner Naturalismus durch Verschränkung von Artifiziellem, Technisch-Akustischem und Maschinischem entlarvt wird. Dennoch bleibt diese Erfahrung jetzt nicht nur auf‘s Optische und Akustische (wie im Kino selbst) beschränkt, sondern erfährt einer Erweiterung dadurch, dass eine bestimmte örtliche Gegebenheit zum anderen Schauplatz des Drängens des Unmittelbaren verwandelt wird. Nichts weniger denn eine mise-en-scène und ein rite of passage im selben Zug. Ironie und Humor finden hier also ihre Anwendung als künstlerische Waffe und erstatten somit dem Sturm auch seine kriegerische Wortbedeutung zurück.

Doch nicht zu vergessen bleibt: Wir haben es hier auch mit einer wundersamen Äolsharfe zu tun! Denn schließlich: Wie der Wind heftiger hervorstößt,/ ein holder Schrei der Harfe/ Wiederholt mit zu süßem Erschrecken,/Meiner Seele plötzliche Regung;/ Und hier, die volle Rose streut geschüttelt/ All ihre Blätter vor meine Füße! (Eduard Mörike)

Andreas Templin Bild Blaue Nacht Kopie

Andreas L. Hofbauer for Andreas Templins installative work for the public space comissioned by the City Council of Nuremberg, Germany – stormscene (2005). This installation took place in a medieval pedestrian’s tunnel leading to the historical center of Nuremberg. A strong wind-machine of Munich filmstudios was placed in the beginning of the tunnel. The light was changed and a big soundsystem installed. With David Canisius of Deutsches Kammerorchester/ Yellow Lounge a selection of highly dramatic classical music was edited for this evening and replayed constantly. The visitors could pass through the tunnel and found themselves in the middle of a filmset-like “stormscene”. After passing through the tunnel they got handed a text written by Dr. Andreas L. Hofbauer, titled “second-hand experience”.

but … Billy Budd

Von welchem Schlag ist also Billy Budd, aus welcher Art und welchem Geschlecht ist er geschlagen, zu welchem geschlagenen Geschlecht mag er gehören? Sind es gerade die vorgeblich Unschuldigen, die sich schuldig machen oder verzeiht man ihnen ihr Vergessen nicht? Ist Schuld überhaupt nur Oberflächenphänomen, welches, gleich der weißen Wand des Wals, aus den Tiefen auftaucht und wir wollen (im Sog Ahabs) es durchbrechen? Spricht man aber überhaupt von unschuldig schuldig gewordenen, wenn man im Namen Billy Budds spricht – und was hieße das überhaupt? Wir, von der Rasse Kains, sind immerhin gezwungen, in ein Land aufzubrechen das Nod heisst, ins Land der Ruhelosigkeit und Flüchtigkeit (wie das hebräische nad bedeutet). Wegzugehen aus dem Angesicht des Vater-Gottes, ausgezeichnet zu überleben. Der Konflikt eines Nebeneinanders (der Brüder und des Geschlechts) hat sich so in die Zeit gespannt und ist Konflikt entlang der Zeitachse geworden. Nicht allein ob man des Bruders Hüter sein soll, des Hirten Hirt, steht in Frage, sondern ob man für die Kommenden zeugen kann. Dies ist vielleicht weniger eine Frage der Filiation und deren Politik, vielleicht weniger Frage der Einsetzung, sondern der Freisetzung, der Garantie einer rückhaltlosen Entbindung, die es vermag eine Kohärenz von Körpern zu wahren, ohne dabei das Unendliche fahren lassen zu müssen. Eine Vertäuung der über-lebenden Immanenz. Das heißt jedoch, das elende Bedürfnis nach Schaffung und Schöpfung aufzugeben, das wir sogar Gott andichten, vielleicht bloß, um uns selbst zu Göttersöhnen (und -töchtern) zu machen. Die Unfähigkeit sich eine andere Hand vorzustellen, als die, die bei Tisch (womöglich gar aus Liebe) Brotmännchen formt, die andere Hände schüttelt, um sich des eigenen Seins zu versichern, die, sichtbar oder unsichtbar, immer vermittelt und herstellt, der Welt Gestalt gibt. „Ich nehme mit einem geringern Vater vorlieb; wenigstens werd ich ihm nicht nachsagen können, dass er mich unter seinem Stande in Schweineställen oder auf den Galeeren habe erziehen lassen“, sagt in Georg Büchners Dantons Tod die Figur des als Spinozisten und Atheisten charakterisierten Thomas Payne. (1) Die Erschöpfung und das Aufhören, das Enden, verschreibt sich einer Insistenz, die sich weder auf ein Transzendentes stimmt, noch dabei aber den schmerzhaften Aufbruch verleugnet. So bewegt sie sich, zuweilen starr, ohne sich im geringsten zu rühren, weg. Solch aufbrechendes Gehen bricht auch immer zu einem verlorengegangenen Kind auf. Es entdeckt nicht (sich als) das verlorengegangene Kind (sei es der Sohn oder die Tochter), nicht einmal das Verlorengegangene – sondern es geht verloren. Abgegangen wird hier vom Wollen oder Willen des Wissen, wie auch vom Nichtwissen. (2) Inauguration einer Bahnung des Vergessens. If you are ready to leave father and mother, and brother and sister, and wife and child and friends, and never see them again, – . . . then you are ready for a walk, schreibt Thoreau. Man kann dies in eine Entgegnung verwandeln, deren Ton unentscheidbar zwischen Frage und Forderung oszilliert – are you ready for a walk . . .
Merkwürdig mutet in diesem Zusammenhang ein Brief an, den Herman Melville seiner Tochter Bessie vom Pazifischen Ozean aus am 2. September 1860 zukommen lässt. „Diese Vögel [hier] haben kein Zuhause, außer einigen wüsten Felsen mitten im Ozean. Sie sehen niemals einen Obstgarten, und kennen den Geschmack von Äpfeln & Kirschen nicht, wie dein fröhlicher kleiner Freund in Pittsfield, Herr Robin Rotkehlchen. – Ich könnte dir noch vielmehr Dinge über die See erzählen, aber ich muss den Rest verschieben, bis ich nach Hause komme. . . . Ich nehme an, du hast recht viele Spaziergänge auf den Hügel gemacht, und die Erdbeeren gepflückt. Ich hoffe, dass du gut auf Klein Fanny aufpasst, und daß du, wenn du auf den Hügel gehst, so gehst: [hier folgt eine kleine Zeichnung Melvilles, die einen Baum und etwas Gesträuch zeigt, sowie zwei beinahe winzige Gestalten, die sich an den Händen halten] das heißt Hand in Hand. Leb wohl, Papa“. (3) So, als ob es doch möglich sei, die Faust in die flache Hand zu entfalten, wie Johann Georg Hamann dies gefordert hat, und sich die Hände zu reichen. So, als ob es vielleicht dem Aufbruch des Vergessens nach nichts mehr verlangte, als eben nach dieser einfachen, singulären und einfältigen Handreichung, das Wagnis dieser unwahrscheinlichen Berührung, die weder führen noch hüten will.
In welchen Namen also wird man sprechen, wenn man im Namen von Billy Budd zu sprechen wähnt? In welchem Namen spricht man mit der Vorsicht und dem Bedacht, die Spinozas Motto waren und deren Wort er sich in seinen Siegelring eingravieren ließ – caute – und für welche Unabhängigkeit also? (4) Wenn man spricht im Namen von bud, der Knospe oder der jungen austreibenden und -schlagenden Triebe, im Namen der unterentwickelten Wesen; oder im Namen unser aller Brüder; Bruder, wie das umgangssprachliche Amerikanisch bedeutet – aber auch im Namen des Spross, der Töchterchen und Söhnchen? But, Aber . . .

(1) Georg Büchner, Dantons Tod, in: Ders., Werke und Briefe, München 1975, S. 39.
(2) Vgl. dazu Thomas Schestag, Schrittstellen, in: Oswald Egger (Hg.), Rhythmus. Wiener Vorlesungen zur Literatur 1996/97 (Der Prokurist 19/20), Wien/Lana 1998, S. 37.
(3) Zit. nach More Light, And The Gloom Of That Light. More Gloom, And The Light Of That Gloom , in: Die Republik (82-85/1988), S. 191 f.
(4) Vgl. Leo Strauss, Das Testament Spinozas, in: Ders., Gesammelte Schriften, Bd. 1, Stuttgart/Weimar 1996, S. 422.

Excerpt out of ” … thus snapping the chain -” (Ablösungsversuche, Wien 2001) by Andreas L. Hofbauer

Zu zweit ist man weniger allein, zu viert ist man noch weniger allein

feierlaune

Andreas L. Hofbauer together with friends gettin’ ready to attend Bianca Regls and Robert Munteans exhibition in Österreichische Botschaft Berlin 26. Oktober 2008 … Almdudler anyone?
(Photo: Theo Ligthart)

Ensembles und Module

Ekstasen kann man am besten mit einem Ensemble begreifbar machen. Denken Sie zum Beispiel an Phantasien. Niemals kann eine Beschreibung allein ersetzen, was ein Ensemble entstehen lässt und zugleich dem Untergang preisgibt: Übersicht, Details und Proportionen in bloß einem Akt.

So dienen Ensembles nicht allein der Veranschaulichung, sondern vielmehr der Analyse, dem Verfall und dem Genuss. Varianten erstellen, vergleichen und genießen; Ursache und Wirkung zelebrieren – Prinzipien, an denen die Ekstasen weiterentwickelt werden, reifen und wieder verloren gehen.

Die Ekstase sexueller Ensembles. Mit ihnen werden Strategien und Konzpte anschaulich und überzeugend umgesetzt: Spielwiesen für außermoralische Hedonisten; nichts für offiziöse Kulturpolitik und Integrationspropaganda samt deren Aufsichtsgremien.

Unsere Ensemblemodelle sind Instrumente. Nutzt sie!

In Form lustvoller Dienstleistung übernehmen wir Aufbau und Einsatz von Ensemblemodellen, unterstützen die Zusammenstellung der Informationen und Prämissen und tragen zur Planung, Bewertung und den damit verbundenen Diversifikationen bei.

Juliettes ist eine von uns erstellte Software mit der Ensemble-Modelle für unterschiedliche Projekte selbst entwickelt und eingesetzt werden können. Wir impfen die Hardware mit einer umfangreichen Download-Bibliothek. Wir verabreichen euch die Medizin, schenken euch die Module, die ihr selbst einsetzen und weiterentwickeln könnt.

KörperPolitik

Letztlich vier Männer, zwei klare Selbstmörder, ein wohlwollender Sterberegistervermerk, lautend auf Tod durch Unfall, ein Leben, das von Wahnsinn und Tod zeitlebens gefangen war, und sich in erotischen Ekstasen und Verschlingungen wie eine Larve in ihrem Kokon wand, dem sie niemals entschlüpfen sollte. Magische Kombinatoriken und Maschinen, deren Programme Texte sind. Fixiertheit auf Helden, Kinder und Männer und ihre Maschinenträume.

Denkt man sich das Diverse und Strittige (polemos) paradoxerweise als Verbindliches, so gilt es neue und andere Fassungen der Politiken und der Körper experimentell herzustellen. Dafür ist eine Virtualität und Virtuosität verlangt, die zum einen den Willen zur Gestalt und Form austrägt und ihn zum anderen radikal entstellen muß. Als Zeugen oder Begleiter sind daher solche zu wählen, die um die wenigstens zweideutigen Funktionen, nämlich als Bruch/Lücke und Kuppler/Verbindungsrealisator, von Scharnier und Schnitt, von Zwiefalt und Zwischenfalte, wußten. Die sich selbst auf Elemente einließen, die einen außerordentlichen symbolischen Status, als Realisator eines Körperwerdens, einnehmen. Gemacht wird so eine Erfahrung, welche das Multiple und Heterogene als Eines der Immanenz zu fassen gestattet (disjunkte Synthese). Solche, die sich an formlose Elemente wandten, die in den jeweils realen, symbolischen und imaginären Strukturen ohne Funktion sind. Deren Affektivität unterstreicht das Paradox des Zugleich und Ineinanderüber von Sein und Werden und kann sich nicht auf Entsprechung, Wiederholung und Beziehung, auch nicht auf Nachahmung oder Identifikation, reduzieren lassen, sondern ist Diversifizierung der materialen Gefüge des Werdens.
Das, was daran spannend und stimmig ist, ist ein tonos (Band, Ton), der keine gestalteten politischen Körper schafft (jeder Körper ist politisch informiert), sondern Körper destabilisiert, indem er sie einem Werden aussetzt, dem diese sich wiederum, schließlich sind sie ja informiert, widersetzen. Eros und Eris In-Beziehung-Tretens sind so eben leiblich-grammatische Umsetzungen und Diversifikationen (vom Händeschütteln bis zum Ich, Du, Er, Sie, Es …) und nicht Versiegen in den gestischen, habituellen oder deklinierenden Repertoires.
Durch solche Geste werden Wissen und seine Bestände insultiert, wie auch die Schemata einer sprachlich linearen und explikativen Auslegung, Konstatierung oder Vermessung verunmöglicht. Fokussiert werden dagegen die Ins-Werk-Setzungen der Ensembles und ihre gleichzeitige Entwerkung (desœuvrierung). Exzessiv ist dabei die Präsenz des Dings (da) selbst. (Das muß sich gar nicht lautstark oder spektakulär anzeigen.) Zugleich es im Gegenstand (dem mental, verschrifteten oder sonstigen) insistiert, wird es durch die Kontaminierung mit seinem Supplementsein verrückt. Das sogenannte dritte Element dieser Ineinssetzung und Gegeneinanderüberhaltung, welche nicht einfachhin Koinzidenz ist, ist nicht länger isolierbar (weder als Zwischen, noch als Fuge), sondern in das Dingwerden eingelassen (und zwar im Sinne der krasis)!
Wir suchen also nach (An)Trieben, mit ihrem jeweiligen Träger/Agenten (suppôt), gar Saboteur (nämlich Diversanten), der zugleich für eine Formierung und (voreilige) Rahmung verantwortlich ist, wie er diese auch en kontaminiert und zum Exzeß treibt. Aufzeichnungsfolien sind dafür Texturen, die nicht besser in der Lage sind, Formen ein- und aufgeprägt zu bekommen, sondern die trachten, höhere Intensitäten einzufangen, gar zu bündeln. Dabei ist eine Logik des Affekts, die nicht zuletzt der diversen Materie folgt, auch Begeisterung, die Stammeln, Disparatheit und Zerfall für das Sprechen nicht nur praktiziert, sondern sogar einfordern muß. Strategien der Selbstruinierung (Dietmar Kamper) müssen Pakte zuweilen auch mit den pathogenen oder perversen Valeurs schließen, was dazu führt, daß man eben nicht weiß, was man tut oder ist, wenn man dabei ist zu denken, also zu werden, was man gewesen sein wird.
Dabei muß Körperdenken aus den von Wissen und Bildlichkeit regulierten Registrierungen und Exklusionen abweichen und sich dem aussetzen, was diese Bilder und Register über-lebt, das heißt nicht restlos in deren Mortifizierungen aufgeht. Zeitlichkeit traversiert die Einkadrierungen und ist somit vorrangige Logik eines Körperwerdens. Körper werden immer in anderen Körpern, deren Fleisch die Schemata überdauert (und nicht nur aufbricht).
Vielleicht läßt bei all dem nicht nur das Reich des Messias die Welt so, wie sie ist – bloß um eine Winzigkeit verschoben (Scholem/Bloch/Benjamin). Ist das (endliche) Paradies nicht zu unterscheiden von jetziger Welt, bloß um eine Nuance anders, so mag diese Nuance in den Scharnieren und Schnitten, die sich zuweilen auch verkörpern versprechen. Gezeigt werden soll aber, daß uns nichts dazu zwingt Potentialität und Aktualität auf eine Entscheidung (krisis) des Äußersten hin zu stimmen, sondern sich alles innerhalb einer immanenten und kontingenten Mischung (krasis) fügt. Ist Kruzifizierung die Eliminierung des Materiellen zugunsten des Zeichens/Bildes, so heißt eben abgehen davon, neue Fassungen einer Körper-Politik zu erfinden. Eine solche verlangt nach einer Strategie des radikalen Denkens von Materialität und Zeit, muß sich diesem überlassen. Also auch die eigenen Stratageme auf sich einschlagen lassen, auch noch seine eigenen Bemühungen behindern, die äußerste Anstrengung wagen, um die geringste Wirkung zu erzielen. Was bleibt, ist (be)deutungslose Performanz (Bejahung), die scheiternd Zeugnis ablegt von der Spannung zwischen dem, was überlebt haben wird, und dem, was hier und jetzt jeweils gesagt, gehört, getan werden kann. Eine Tortur einer Spannung, zu deren Austrag man schließlich doch gezwungen und verpflichtet ist und aus der heraus erst befreundetes Teilen von Zeiten und Räumen möglich werden kann.

Die sich interpretierenden gegenläufigen Intensitätsfluktuationen der von mir konturierten Sprachen und Körpern erzeugen also keine Gestalt oder Schlußfigur, sondern versuchen Aufzeichnungsflächen her- und darzustellen. Dies geschieht immer über andere Körper und andere Sprachen. So verschreibe sich die Revisionen aber keiner Bildlichkeit und bilden sich auch nicht ein, mehr als Scheitern vorstellig zu machen. Wird also anhand der Intimtechniken des Umganges mit den fremdesten Fremdkörpern, nämlich den Wortenkörpern, nachgedacht, so gibt sich dies nicht exemplarisch, aber symptomatisch. Und so wie es nicht in der freien Macht des Geistes liegen kann, sich eines Dings zu erinnern oder es zu vergessen, so mag die Auswahl derer, die da Schreiben und Bilder machen, und hier nun umschrieben und entstellt werden, Spekulationen und Rückschlüsse auf das Erinnern und Vergessen des Autors anheben lassen. Wer sich aber aufmachen möchte, darüber nachzudenken was ein Körper vermöchte, wenn er nicht vom Geiste bestimmt würde, wer also nicht mit offenen Augen träumen möchte, sondern nächtlich wachen, der wird in den Fragmentierungen vielleicht Winke finden. Zugleich aber können sich solcherlei Revisionen und die Unternehmungen, wie die des Nachstehenden, immer nur als Scheitern vorstellen, aber nur vor dem Wort des großen Philosophen, welches die dritte Erkenntnisart gewesen sein wird. Dorthin aber führen nur sehr schwierige Wege, und nur wenige lernen sie frohen Mutes zu gehen. Jede Verirrung und jede Irrnis kann aber Zeugnis ablegen und vielleicht ist mehr eine unmenschliche Aufgabe.
Zu bedenken bleibt das Ungeheure und Ungemeine einer Kindheit für die Philosophie, besser vielleicht noch ein Kind-werden des Philosophen, das die Philosophie zur Sprache bringt.

Fragment aus dem letzten Jahrhundert für eine Einleitung zu einem ungeschriebenen Buch, welches sich Rudolf Schwarzkogler, Malcolm Lowry, Yukio Mishima und Hans Bellmer widmen wollte.

Hear that hum, baby?

… Detroit, Sufismus, Venedig, Motown, Sun Ra, Heroin, Othello, General Motors, Supremes, Ibn Arabi, Berlin, Thelonius Monk, Jakob Böhme, core-to-surface nightmare, Agrippa von Nettesheim, Kaschmir, Fariduddin Attars, New York, Pussy, Percussion, Jimi Hendrix, dreamscape, Kokain, al-Ghazali, Motor City …

In den frühen 50er Jahren wurde Sadiq Bey in Detroit, der so genannten Motor City, geboren. Eine starke Gewerkschaftsbewegung fördert die Arbeiterkultur und ein funktionelles arbeitsethisches Gefüge kaschiert die gesellschaftlichen und ethnischen Antagonismen. Gleichzeitig setzt der unaufhaltsame soziale Niedergang der Stadt ein. Die Fassade des industriellen Zentrums der USA bröckelt; die nächsten Jahrzehnte sind durch gewalttätige Unruhen geprägt. Begleitet wird diese Erosion aber ebenso durch den unaufhaltsamen Aufstieg der Motown-Musikkultur. Nach dem 12th-Street-Riot 1967 werden die Ghettos mit Heroin überschwemmt. 2000 Häuser brennen. Zahlreiche Tote. Während vor Beys Augen eine Gemeinschaft Schritt für Schritt auseinander bricht, Freund-Feind-Fronten verschwimmen und die Drogen zum Herzmuskel der Gesellschaft werden, dämmert zugleich auch eine neue Welt aus Poesie und Musik herauf.

Inspiriert von dieser Möglichkeit, mit Musik, Rhythmus und Sprache einen neuen Ton anzuschlagen, der einen Ausweg verspricht, beginnt Sadiq Bey sie auf experimentelle Kunstformen anzuwenden und auch in kommunales Handeln einfließen zu lassen. Diversifikation wird somit zum obersten Gebot seiner Kulturproduktion. Vor allem in der Poesie erlangt das musikalische Element zentrale Bedeutung. Gedichte sind immer auch Lyrics. Die Begegnung mit der Poetik des Sufismus ist der entscheidende Übergang. In ihm verschränken sich Lebenspraxis, lyrische Qualität und der Takt des Perkussionisten. Blood pump anatomy.

Die Morgen-Gedichte entstanden aus der täglichen Übung, morgens die Nachtreste in den Tag überzuführen. Eine solche selbst gewählte Disziplinierung entzieht den Dichter seiner bisherigen Lebensführung. Everything has to work together in this recovery. Poesie muss abgerungen werden. Gleichsam ein alchemisches Verfahren, welches das Alltägliche vor der instrumentellen Verengung bewahrt und ihm seine Blöße zurück gibt. Jeder Morgen ein neuer Anlauf. Jeder Morgen ein neuer Übergang. Jeder Morgen eine neue Verführung. This endless, patient poem.

Theo Ligthart and Andreas L. Hofbauer for Sadiq Beys “Albert Ayler bläst in sein Horn und verkündet das Ende” (Edition Raute)

sadiqundich

Sadiq Bey and Andreas L. Hofbauer try their best to look really dangerous … and fail somehow. (Photo: Bianca Regl)

abloesungsversuche

Zementbohrer und Bausteine für unwahrscheinliche Maschinen. Grafikdesign by Philipp Roller / penthouseperfection.com

Sweet dreams are made of this …

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Philipp Roller and the author Andreas L. Hofbauer half an hour before performing “Aus der Tonspur” for Jan Rohlf and Maverick in Berlin – Prenzlauer Berg (Photo: Maverick)